„Der Hass bringt uns nicht weiter“

Deutschland

10. Feb 2024

Sie könne keinen Menschen hassen, bekräftigte die junge Jüdin Etty Hillesum in ihren Tagebüchern, die Prof. Dr. Klaas Smelik in seinem Vortrag in der Akademie Völker und Kulturen am Freitag, dem 9. Februar, gut dreißig Zuhörern vorstellte.

„Der Hass bringt uns nicht weiter“

Etty Hillesum wurde 1914 in den Niederlanden geboren und im November 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihre erhaltenen Tagebücher und Briefe haben einen besonderen Platz unter den jüdisch-niederländischen Zeugnissen der Shoah. Sie enthalten nicht nur eine Beschreibung des Durchgangslagers Westerbork während der deutschen Besatzung, sondern reflektieren auch Hillesums existentielle Suche, die von ethischer, philosophischer, spiritueller und literarischer Natur war. Ihre Schriften sind in zwanzig Sprachen übersetzt worden und haben weltweite Aufmerksamkeit erhalten, außer vielleicht in Deutschland (die deutsche Gesamtausgabe ihrer Tagebücher und Briefe wurde 2023 von Prof. Smelik veröffentlicht).

Prof. Smelik ging der theologischen Bedeutung der Tagebücher aus ihren letzten beiden Lebensjahren nach. Dafür wurden längere Zitate aus Hillesums Tagebüchern von einer Teilnehmerin vorgetragen und lebendig gemacht. In den Tagebüchern zeigt sich, wie eine liberale gebildete Jüdin in ihrer spirituellen Suche durch die Beschäftigung mit dem Dichter Rainer Maria Rilke und der Bibel zu einer persönlichen Gottesbeziehung kommt. Für sie wird die Erkenntnis tragend, dass alle Menschen ein „Ebenbild Gottes“ sind, und diese Überzeugung zieht sie radikal durch – dass nämlich auch die Angehörigen der Gestapo dazu gehören, trotz aller Schikanen und Bedrohungen. Sie geht mit dieser Auffassung so weit, dass sie Gott gegen die Unmenschlichkeit der Menschen verteidigen will, dass „wir dir helfen müssen“, wie sie schreibt.

Daraus folgert sie, dass man nicht dem Hass nachgeben darf. Immer wieder betont sie, dass die Menschen einander nicht hassen dürfen. Man muss auf Feindbilder verzichten, aber wenn man das Böse bekämpft, dann in dem System, nicht in den Menschen, die darin gefangen sind (auch wenn sie es selbst geschaffen haben). In einer Diskussion mit einem Freund hält sie fest: „Und doch bringt uns der Hass nicht weiter, Klaas, die Dinge sind in Wirklichkeit ganz anders, als wir sie uns in unseren gekünstelten Schemen vorstellen.“ Ihrer Meinung nach sollen wir unsere Feinde nicht hassen und sie auch nicht fürchten, weil sie Menschen sind, so wie wir selbst. Um den Hass auf der Welt zu beseitigen ist es notwendig, mit unserem eigenen Hass anzufangen: wir müssen all dasjenige in uns ausrotten und vernichten, was uns zu der Überzeugung führt, andere vernichten zu müssen.

Ihre Tagebücher zeigen Etty Hillesum in ihrer spirituellen Suche und ihrem Wachstum, in ihrer Selbstbeobachtung und der Arbeit an ihrer Persönlichkeit. Die Tagebücher verstehen sich auch als Materialsammlung für Texte, die sie später als Schriftstellerin verfassen wollte. Als ihr bewusst wurde, dass sie nicht überleben würde, hinterließ sie ihre Tagebücher einer nachkommenden Generation: Ein anderer wird „mein Leben von dort an weiterleben, wo das meine unterbrochen wurde, und deshalb muss ich es so gut und so überzeugend wie möglich weiterleben bis zum letzten Atemzug, so dass derjenige, der nach mir kommt, nicht ganz von neuem anfangen muss und es nicht mehr so schwer hat. Tut man damit nicht auch etwas für die nachkommenden Geschlechter?“

Damit sorgen ihre Tagebücher gerade auch in unserer Zeit für Anregung und stellen hohe Ansprüche an uns, diese „nachkommende Generation“, schloss Prof. Smelik seinen Vortrag.

Christian Tauchner SVD

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