+ Prof. Dr. Joachim G. Piepke SVD

Deutschland

24. Feb 2024

Die Steyler Missionare trauern um Prof. Dr. Joachim G. Piepke SVD, der am 24.02.2024 unerwartet verstorben ist.

+ Prof. Dr. Joachim G. Piepke SVD

„Manchmal braucht man den nötigen Weitblick, um alles aus einer anderen Perspektive zu betrachten“. Den nötigen Weitblick hat P. Joachim Piepke bereits im Alter von zwei Jahren zu erwerben begonnen, als seine Familie 1945 ohne Hab und Gut aus ihrer Heimat Danzig fliehen musste und über Mecklenburg nach Freiburg im Breisgau kam. So wuchs der kleine Joachim, der am 10. November 1943 in Danzig geboren wurde, als Badener auf. Über seine Kindheit in seiner neuen Heimat Freiburg erzählte er einmal in einem Interview: „Als Kind wuchs ich zum Beispiel zweisprachig auf: Zu Hause wurde hochdeutsch gesprochen, auf der Straße sprach man in Stuttgart Schwäbisch und in Freiburg Badisch. Ich konnte den Akzent ohne Probleme innerhalb eines Satzes wechseln. Das trug sicher dazu bei, dass ich sensibel für solche Nuancen wurde. Auch hatten wir im Mansardenzimmer unseres Hauses oft Untervermietungen an Studenten, denn Freiburg war ja eine Studentenstadt. Das waren oft Afrikaner oder Amerikaner, die beispielsweise englisch sprachen. Das war also ganz üblich, mein Elternhaus war allgemein sehr weltoffen. Von daher gab es auch nie Schwierigkeiten bei meiner Berufswahl. Vielmehr meinte meine Familie, es sei allein meine eigene Entscheidung, was ich einmal machen will.“ Joachim war kein Missionsschüler, wie viele Mitbrüder in seiner Zeit, sondern besuchte das humanistische Berthold-Gymnasium in Freiburg, wo er 1962 sein Abitur machte.

Den nötigen Weitblick hat P. Joachim Piepke weiter in St. Gabriel (Mödling) vertieft, wo er am 01. Mai 1962 in das Noviziat der Gesellschaft des Göttlichen Wortes eintrat. Am 01. Mai 1964 legte er die ersten Gelübde ab. Zum Studium der Theologie kam er nach St. Augustin, wo er am 01. Mai 1968 die ewigen Gelübde ablegte. Nach Abschluss seines Studiums wurde er am 19. April 1969 in St. Augustin zum Priester geweiht. Nach seiner Priesterweihe erwarb er noch in St. Augustin das Lizentiat in Theologie.

Im März 1970 reiste er nach São Paulo in Brasilien. In der brasilianischen Zentralprovinz war er von 1970 bis 1974 als Lehrer und Erzieher im Kleinen Seminar von Araraquara tätig. Während dieser Zeit erwarb er das Lizentiat in Philosophie, da er einen brasilianischen akademischen Grad brauchte, um im öffentlichen Schuldienst tätig sein zu können. Von 1974 bis 1979 war er Präfekt der Philosophen in Campinas und São Paulo und gleichzeitig Professor für Systematische Theologie am Instituto Teológico São Paulo. Dieses Institut, das von mehreren Orden getragen war, leitete er von 1979 bis 1980 als Direktor. 1980 ging er nach Rom an die Gregoriana, um den Doktorgrad in Dogmatischer Theologie zu erwerben. Er schloss sein Studium in nur drei Jahren (1983) mit "summa cum laude" ab. Das Thema der Dissertation lautete: „Die Kirche auf dem Weg zum Menschen. Die Volk-Gottes-Ekklesiologie in der Kirche Brasiliens.“ Im September 1983 kam er nach St. Augustin zum Anthropos-Institut, wo er zunächst als Redakteur der Rezensionsabteilung tätig war. Von 1986 bis 2017 war er Direktor des Anthropos-Instituts. Unter seiner langjährigen Leitung hat das Anthropos-Institut eine neue Ausrichtung erhalten und neuen Schwung bekommen. Von 1983 bis zu seiner

Emeritierung ist er Professor für Dogmatische Theologie an der damaligen PTH St. Augustin, wo er von 1998 bis 2013 Rektor war.

Weitblick bedeutete für Joachim Piepke auch Weltblick. Das hat er in seinen zahlreichen Veröffentlichungen gezeigt. Schon in den 70er Jahren hat er für „Wir sind Kirche“ plädiert. In den 80er Jahren hat er sich auf die Theologie im Kontext der Kulturen konzentriert. In den 90er Jahren hat er sich verstärkt mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und ihrem Konzept der integralen Entwicklung, einschließlich der Neuevangelisierung in Lateinamerika, beschäftigt. Um die Jahrhundertwende hat er sich sehr stark auf Opferrituale als Grundbefindlichkeit des Menschen konzentriert. Dabei hat er die Kontingenz des Menschen nicht aus den Augen verloren, indem er z. B. die Krankheit AIDS als eine Herausforderung für das Gottes-, Menschen- und Selbstbild der Kirche dargestellt hat. Sein Weltblick setzte sich um die Jahrhundertwende mit der Frage der Theologie und Interkulturalität sowie der Liturgie der jungen Kirchen fort.

Auf dem Weg von dem Weitblick zum Weltblick hat Joachim gelernt, dass man, um ein Ziel im Leben zu erreichen, manchmal das Gewöhnliche hinter sich lassen muss, um einen Überblick und einen Blick für das Ganze zu bekommen, einen weiten Horizont, der mehr umfasst als nur die eigenen vier Wände der täglichen Monotonie. Bis zu seinem unerwarteten Tod am 24.02.2024 ist Joachim an einem Punkt angelangt, an dem er eine Bilanz seines offenen Horizonts ziehen konnte. Dante Alighieri, italienischer Dichter und Philosoph, hat einmal gesagt: „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt“. Joachim Piepke hat es angepackt und seine weite Weltsicht in zwei jungen Monumentalwerken aufgezeigt: „Ein befreiender Gott ist anders. Für Menschen, die an der Kirche verzweifeln“ und „Religionen fallen nicht vom Himmel“.

Mit dem plötzlichen Tod von P. Joachim Piepke haben wir einen Menschen und Mitbruder verloren, dessen Eifer und Einsatz wir sehr schätzten, im Anthropos-Institut sowie im Gemeinschaftsleben von St. Augustin. Die Steyler Missionare in Brasilien und in Deutschland sind Gott dankbar, P. Joachim Piepke in ihren Reihen gehabt zu haben. Sein missionarisches und wissenschaftliches Engagement lebt weiter im Beispiel und im Zeugnis junger Steyler.

Wir danken seinen Angehörigen, Verwandten, Freunden/-innen und Wohltäter/-innen, die ihn begleitet, ermutigt und unterstützt haben.

Den Auferstehungsgottesdienst für P. Joachim G. Piepke feiern wir in Dankbarkeit gegenüber Gott, seiner Familie und allen, die ihn stets unterstützt haben, am Dienstag, dem 05. März 2024, um 10.30 Uhr in der Kirche des Missionspriesterseminars St. Augustin. Im Anschluss daran findet die Beisetzung auf dem Klosterfriedhof statt.

Für das Missionspriesterseminar St. Augustin,
Polykarp Ulin Agan SVD
Rektor

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