Fronleichnam (A)

Predigtimpuls

„Liebe deinen Nächsten wie deine eigene Familie“

1. Lesung: Dtn 8, 2-3.14-16a
2. Lesung: 1 Kor 10, 16-17
Evangelium: Joh 6, 51-58

Ich habe mir überlegt, ob ich einen Menschen kenne, in dessen Leben Mahl halten eine ebenso große Rolle spielt wie im Leben Jesu. Mir ist keiner eingefallen. Und da ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass das doch ein höchst auffälliger Zug und eine höchst bemerkenswerte Tatsache ist, dass uns von Jesus immer wieder berichtet wird, dass er Mahl gehalten hat – mit seinen Jüngern und Jüngerinnen, mit Sündern und Zöllnern, mit Menschen, die ihn zum Mahl eingeladen haben. Sogar vom Auferstandenen wird erzählt, dass er Mahl hielt. Und ganz bestimmt ist es nicht von ungefähr, dass die Eucharistiefeier, also ein Mahl, geradezu das Vermächtnis Jesu an uns ist.
Was bedeutet diese Tatsache, dass Jesus das gemeinsame Mahl so wichtig war, dass das Mahl-Halten nahezu ein Alleinstellungsmerkmal Jesu ist? Ganz einfach: Jesus war Gemeinschaft so wichtig.

 Das hebräische Wort ‘am heißt „Volk“, aber auch „Familie, Verwandtschaft“. Das „Volk Gottes“ ist die „Familie Gottes“, die „Verwandtschaft Gottes“. Eine Familie ist eine umfassende Lebensgemeinschaft. Was ein Familienmitglied betrifft, betrifft alle. Wenn ein Familienmitglied leidet, dann leiden alle. Was einem zugutekommt, das kommt allen zugute. Innerhalb der Familie gibt es keine Unterschiede zwischen arm und reich. Was dem einen gehört, gehört auch den andern. Im Hinblick auf die Gesellschaft als Ganze ist die Familie ein Wunder des Teilens. Innerhalb der Gesellschaft gibt es Unterschiede zwischen arm und reich. Innerhalb der Gesellschaft ist es wahrlich nicht selbstverständlich, dass, wenn einer in Not gerät, alle zusammenhelfen, um die Not des einen auszugleichen. Innerhalb der Familie ist das selbstverständlich.
Dass es innerhalb der ganzen Gesellschaft so zugehen soll wie innerhalb der Familie ist eine „Erfindung“ des AT.

Wenn es im AT heißt: „Liebe deinen Nächsten, d.h. deinen Nachbarn, deinen Dorf- und Volksgenossen, wie dich selbst“, dann ist damit nicht gemeint: Du kannst den andern nur lieben, wenn du dich zuerst einmal selbst liebst. Das ist zwar nicht völlig falsch: Selbstannahme ist wichtig. Falsch ist aber, wenn man meint, das „Wie dich selbst“ bedeute das individuelle Ich und fordere Selbstliebe und Selbstannahme als Voraussetzung für Nächstenliebe. Das „wie dich selbst“ meint „wie die eigene Familie“. „Liebe deinen Nächsten wie deine eigene Familie“. Die Hilfe und Solidarität, die jeder in Israel selbstverständlich seiner eigenen Familie und Verwandtschaft zukommen lässt, ist auf ganz Israel auszudehnen. Die Grenzen der eigenen Familie sind zu durchbrechen auf alle Brüder und Schwestern im Gottesvolk hin. Das gilt selbst für den „Fremden“, also für den Ausländer, der im eigenen Land lebt. Denn gleich im Anschluss an das Gebot der Nächstenliebe steht in Lev 19 das Gebot der Fremdenliebe: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ Der Ausländer erhält Anspruch auf dieselbe Solidarität, die der Israelit seinen Verwandten schuldet.

Das Gebot der Nächstenliebe war von Anfang an ein revolutionäres Gebot, das allen damaligen Werten und Regeln zuwiderlief und alles andere als eine Selbstverständlichkeit war.

Jesus ging es genau um diese revolutionäre Idee des Gottesvolkes als „Familie Gottes“, als familiengleiche Solidargemeinschaft über die Grenzen der Familie hinaus.

Und was drückt das schöner und besser aus, als wenn er gerade die Armen, die Kranken, die Sünder und die Gerechten um den gemeinsamen Tisch versammelt, zum Mahl lädt. Der Stellenwert, den das Mahl-Halten bei Jesus hat, rührt von daher, dass er die „Familie Gottes“ um sich scharen wollte.

Freilich war sich Jesus bewusst, dass diese geschwisterliche Gemeinschaft untereinander nur lebbar wird, wenn jeder Einzelne in inniger Verbundenheit mit Gott steht, wenn Gott die einigende Mitte unter den Menschen ist. Ja, mehr noch: Wenn Gott selbst die Speise ist, die alle gemeinsam nährt.

Damit haben wir alle drei Aspekte der Eucharistiefeier beieinander: erstens die Gemeinschaft untereinander, zweitens die Gemeinschaft aller mit Gott und drittens, dass Gott selbst sich zur Speise gibt. In allen drei Aspekten ist die Eucharistie das reinste Wunder. Bleibt zu fragen, ob wir in unseren Eucharistiefeiern diesem Wunder nahekommen.

P. Michael Kreuzer SVD

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