29. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Du trägst Gottes Bild

1. Lesung: Jes 45, 1.4-6
2. Lesung: 1 Thess 1, 1-5b
Evangelium: Mt 22, 15-21

Liebe Schwestern und Brüder,

Jesus hält heute eine Münze in der Hand. Das wirkt inzwischen fast ein bisschen nostalgisch. Heute würden manche vermutlich sagen: „Eine Münze? Moment – ich zahle mit Karte.“

Andere halten gleich das Handy oder die Uhr hin. Vielleicht müsste Jesus heute also fragen:
„Zeigt mir einmal euer Smartphone.“ Und dann: „Was ist darauf zu sehen?“ Ein Logo. Eine Marke. Vielleicht unser eigenes Gesicht auf dem Sperrbildschirm. Im Evangelium nimmt Jesus eine Münze und fragt: „Wessen Bild ist darauf?“ „Des Kaisers.“ Und dann sein berühmter Satz: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ Die Münze trägt eine Prägung. Und auch wenn Münzen langsam aus unseren Taschen verschwinden – geprägt werden wir heute vielleicht mehr denn je. Von Bildern auf unseren Bildschirmen.
Von Nachrichten. Von Erwartungen. Von dem, was andere über uns denken.
Von dem ständigen Vergleich. Und natürlich vom eigenen Handy, das uns gelegentlich ziemlich zuverlässig mitteilt, was wir angeblich alles noch dringend anschauen sollten. Manches davon geht tiefer. Ein Satz aus der Kindheit: „Du musst stark sein.“ Eine Enttäuschung: „Vertrau lieber niemandem.“ Eine Erfahrung des Scheiterns: „Ich bin nicht gut genug.“ Irgendwann sagen wir nicht mehr: „Das hat mich geprägt.“ Sondern: „So bin ich.“ Und genau hier führt uns Jesus tiefer. Denn bevor das Leben dich geprägt hat, bevor Menschen dir ihre Bilder aufgedrückt haben, bevor Erfolg oder Scheitern ihre Spuren hinterließen, hat Gott sein Bild in dich eingeprägt. Das ist deine tiefste Prägung. Du bist mehr als das Bild, das andere von dir haben. Mehr als dein berufliches Profil. Mehr als dein Kontostand. Mehr als das Foto auf deinem Bildschirm. Und sogar mehr als das Bild, das du selbst von dir gemacht hast. Du bist Bild Gottes. Und plötzlich bekommt Jesu Wort eine neue Tiefe: „Gebt Gott, was Gott gehört.“ Die Münze trägt das Bild des Kaisers. Du trägst Gottes Bild. Also gib Gott nicht nur etwas. Gib ihm dich. Mit dem Gelungenen und dem Unfertigen. Mit deiner Freude und deinen Wunden. Mit deiner Sehnsucht und deinen Fragen. Denn Gott sagt nicht: „Du gehörst mir, also verfüge ich über dich.“Er sagt: „Du gehörst zu mir. Vergiss nicht, wer du bist.“ Und das gilt auch für den Menschen neben mir. Auch er trägt Gottes Bild. Bei manchen Menschen erkennt man es sofort. Bei anderen braucht man – sagen wir – eine ziemlich gute geistliche Bildschirmauflösung. Aber das Bild ist da. Vielleicht beginnt genau hier Mission: Menschen nicht unseren Stempel aufzudrücken, sondern ihnen zu helfen, Gottes Bild in sich selbst wiederzuentdecken.

Ein Bild zum Schluss

Und vielleicht brauchen wir am Ende doch noch die alte Münze. Wenn Sie in den nächsten Tagen beim Bezahlen tatsächlich einmal eine Münze zurückbekommen – werfen Sie sie nicht gleich achtlos ins Portemonnaie. Schauen Sie einen Augenblick darauf. Sie ist durch unzählige Hände gegangen. Sie ist gefallen. Sie hat Kratzer bekommen. Vielleicht glänzt sie längst nicht mehr. Und doch ist ihre Prägung noch da. So auch bei uns. Das Leben hinterlässt Spuren.

Manches bekommt Kratzer. Aber Gottes Prägung bleibt. Und falls Sie überhaupt keine Münze mehr bekommen, weil Sie längst alles mit dem Handy bezahlen: Dann schauen Sie für einen Augenblick in den schwarzen Bildschirm. Dort sehen Sie vielleicht – etwas verschwommen – Ihr eigenes Gesicht. Und erinnern Sie sich: Dieses Gesicht trägt ein noch tieferes Bild. Gottes Bild.

Vielleicht wird daraus ein kurzes Gebet:
Gott,
unter all den Bildern, die mich täglich prägen, lass mich dein Bild in mir erkennen. Und lass mich dein Bild auch im anderen entdecken. Amen.

P. Ben Kintchimon SVD

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