2. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Wir sind nicht die Erfüllung, sondern Wegbereiter der Erfüllung.

1. Lesung: Jes 49,3.5-6
2. Lesung: 1Kor 1,1-3
Evangelium: Joh 1,29-34

Die Kunst des Loslassens – Johannes der Täufer als Wegbereiter

Das Evangelium führt uns heute zu Johannes dem Täufer – einer Gestalt von faszinierender Widersprüchlichkeit. Hier steht ein Mann, der seine ganze Existenz auf ein einziges Ziel ausgerichtet hat: den Weg für einen anderen zu bereiten. Johannes lebt radikal, kompromisslos, mit der ganzen Intensität eines Propheten. Und dann geschieht etwas, das uns zutiefst herausfordert: Als Jesus erscheint, tritt Johannes zurück. Nicht resigniert, nicht verbittert – sondern in einer Haltung, die wir nur als spirituelle Meisterschaft bezeichnen können.
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen", sagt Johannes im Johannesevangelium. In diesen wenigen Worten verdichtet sich eine Lebensweisheit, die unserer Zeit fremd geworden ist. Wir leben in einer Kultur der Selbstverwirklichung, Selfies und der Unentbehrlichkeit. „Niemand ist unersetzbar" – diesen Satz kennen wir alle, doch heimlich glauben die meisten von uns: „Außer ich."

Das Paradox der Selbstwerdung

Lassen Sie mich von einer Frau erzählen, die Dreißig Jahre lang den Kirchenchor leitete – mit Leidenschaft, mit Können, mit einer Hingabe, die bewundernswert war. Die Proben waren ihr Lebensrhythmus, die Liturgie ihr Zuhause. Als sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste, brach für sie eine Welt zusammen. Nicht nur, weil sie die Musik vermisste. Sondern weil sie spürte: Ein Teil ihrer Identität löste sich auf. „Wer bin ich", fragte sie, „wenn ich nicht mehr die Chorleiterin bin?"
Diese Frage berührt etwas Existenzielles. Wir verweben uns mit unseren Rollen, unseren Aufgaben, unseren Funktionen. Wir sind die fürsorgliche Mutter, der engagierte Lehrer, die verlässliche Kollegin, der unverzichtbare Vereinsvorsitzende. Und all das sind wir tatsächlich – aber sind wir nur das? Johannes der Täufer stellt uns vor die entscheidende Frage: Gibt es in uns einen Kern, der größer ist als alle Rollen, die wir spielen?

Die verborgene Macht der Kontrolle

Es gibt einen feinen, fast unsichtbaren Übergang zwischen hingebungsvollem Dienen und subtiler Machtergreifung. Eltern kennen das: Man will doch nur das Beste für die Kinder. Man hat so viel Erfahrung, so viel Weisheit anzubieten. Und dann wird aus Fürsorge unmerklich Kontrolle, aus Begleitung Bevormundung. „Du brauchst mich noch" – dieser Satz kann Ausdruck echter Sorge sein, aber auch eine Rechtfertigung dafür, loszulassen zu vermeiden.
In kirchlichen Strukturen erleben wir das auch. Ein Pfarrer, der seiner Gemeinde nach dreißig Jahren Seelsorge nicht zutraut, ohne ihn zurechtzukommen. Eine Lektorin, die überzeugt ist, niemand könne die Lesungen so gut vortragen wie sie. Ein Kirchenvorstand, der meint, die Tradition müsse exakt so bewahrt werden, wie er sie versteht. Hinter all dem steht selten böser Wille – meist eine tiefe, existenzielle Angst: die Angst vor der eigenen Überflüssigkeit.

Johannes der Täufer stellt dieser Angst etwas radikal anderes entgegen: die Freiheit dessen, der seine Berufung nicht mit seiner Person verwechselt. Er weiß: Seine Aufgabe ist nicht, im Mittelpunkt zu stehen, sondern den Weg zu weisen. Nicht sich selbst groß zu machen, sondern auf den Größeren hinzuweisen.

Das Risiko des Loslassens

Seien wir ehrlich: Loslassen ist nicht nur schwer – es ist riskant. Wenn ich ein Amt niederlege, könnte mein Nachfolger tatsächlich Fehler machen. Wenn Eltern ihre erwachsenen Kinder in die Selbstständigkeit entlassen, könnten diese Entscheidungen treffen, die wir für falsch halten. Wenn ein Pfarrer seine Gemeinde verlässt, wird sein Nachfolger andere Akzente setzen, vielleicht manches verändern, was mühsam aufgebaut wurde.
Das Evangelium verschweigt diese Realität nicht. Johannes endet nicht in friedlichem Ruhestand, sondern im Gefängnis, schließlich hingerichtet auf Geheiß einer rachsüchtigen Herrscherin. Die Nachfolge Christi garantiert kein Happy End in weltlichen Kategorien. Sie garantiert etwas anderes: Sinn, Freiheit, Authentizität.

Die Unterscheidung der Geister

Aber wie unterscheiden wir zwischen heilsamem Festhalten und destruktivem Kleben? Zwischen berechtigter Sorge und Kontrollzwang? Ignatius von Loyola hat für solche Momente eine Methode entwickelt, die er „Unterscheidung der Geister" nennt. Sie basiert auf einer einfachen, aber tiefgründigen Beobachtung: Nicht alle inneren Regungen führen uns zu Gott und zum Leben. Manche führen uns weg – auch wenn sie sich fromm oder vernünftig anfühlen.
Ignatius fragt: Was geschieht in mir, wenn ich an das Loslassen denke? Entsteht innerer Friede, eine stille Gewissheit, vielleicht sogar – paradoxerweise – ein Gefühl von Befreiung? Oder spüre ich Unruhe, eine bohrende Angst, eine Verhärtung in mir?
„Geistlicher Trost", schreibt Ignatius in seinen Exerzitien, zeigt sich in „aller Zunahme an Hoffnung, Glaube und Liebe." Geistliche Trostlosigkeit dagegen entfernt uns von unserem Schöpfer durch „Dunkelheit der Seele, Verwirrung, Regung zu niederen und irdischen Dingen."
Wenn ich ehrlich bin: Führt mein Festhalten zu mehr Leben – oder zu mehr Verkrampfung? Öffnet es Räume für andere – oder verengt es sie? Wächst in mir die Liebe – oder wächst die Angst vor Bedeutungslosigkeit?
Eine zweite ignatianische Frage lautet: Entspricht mein Handeln dem, wie Jesus gelebt hat?
- Also Jesus, der seine Jünger aussandte und ihnen vertraute.
- Jesus, der am Kreuz alles losließ, selbst die Gewissheit der Nähe Gottes.
- Jesus, der nicht an Macht und Position klebte, sondern sich entäußerte.
Wenn ich mein Festhalten an dieser Gestalt messe – halte ich dann noch stand vor meinem eigenen Gewissen?
Johannes' Leben endet nicht im Triumph, sondern scheinbar in der Niederlage: im Kerker, hingerichtet auf die Launen einer Herrscherin. Und doch ist es ein vollendetes Leben, weil es ganz auf sein Ziel ausgerichtet war. Die ignatianische Unterscheidung fragt nicht nach äußerem Erfolg, sondern nach innerer Ausrichtung: Bin ich bereit, auch scheitern zu dürfen – wenn ich nur treu bleibe?

Eine Einladung

Vielleicht gibt es in Ihrem Leben gerade jetzt einen Bereich, in dem Sie spüren: Es wäre Zeit, loszulassen. Eine Aufgabe, die Sie erfüllt haben. Eine Rolle, aus der Sie herauswachsen. Eine Verantwortung, die Sie anderen zutrauen dürften.
Oder vielleicht ist es subtiler: Ein Erwartungsdruck, den Sie sich selbst auferlegen. Eine Vorstellung davon, wie unersetzbar Sie sein müssten. Ein Bild von sich selbst, das Sie gefangen hält.
Johannes der Täufer lädt uns ein: Probiere es aus – das Weniger-Werden, damit Christus größer werden kann. Nicht als Selbstaufgabe, sondern als Selbstfindung. Nicht als Verlust, sondern als Befreiung.

Wir sind nicht die Erfüllung, sondern Wegbereiter der Erfüllung. Wir sind nicht das Licht, sondern Zeugen des Lichtes. Und in dieser Klarheit über unsere Rolle liegt eine Freiheit, die uns niemand nehmen kann.
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

Pater Oliver Heck SVD

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