Predigtimpuls
Gottes Wort und der Nürnberger Trichter
Jes 55,10-11
Röm 8, 18–23
Mt 13,1-9
In Nürnberg kann man neben Rostbratwürstchen und Lebkuchen auch Ansichtskarten erwerben, die den sogenannten „Nürnberger Trichter“ zeigen. Dessen älteste Darstellung, ein Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert, zeigt drei Männer. Die Drei füllen einem auf dem Boden liegenden Menschen mit einem Trichter die gesamte Weisheit und alles Wissen der Menschheit in den Kopf ein.
Wer diese Form des Lernens bevorzugt, ist überzeugt, Menschen könne alles Wissen der Welt eingetrichtert werden - ganz ohne eigenen Aufwand und Anstrengung.
Nun ist Jesus jemand, der modern gesprochen, mit seinen Gleichnissen ein Storytelling betreibt. Modernes Management und Marketing weiß, dass Menschen Geschichten lieben. Sie werden zum Beispiel eingesetzt, um Traditionen und Werte eines Unternehmens zu vermitteln. Zu Diensten macht man sich auch, dass Menschen vor allem bei Produkten zugreifen, die mit einer Geschichte verbunden sind. Ich denke da z.B. an die Geschichten, in denen Erwachsene mit Kinderstimme über die Goldbären von Haribo fabulieren.
Wenn Jesus Gleichnisse erzählt, geht es ihm nicht darum, uns langweiliges Faktenwissen zu vermitteln. Vielmehr will er, dass jene, die ihm zuhören, gedanklich in die Geschichte mit einsteigen, sie verinnerlichen und sie dann auch mit ihren eigenen Worten weitererzählen.
Um genau das, geht es im Grunde auch im Gleichnis vom Sämann, das wir eben gehört haben: Ein Sämann sät aus, großzügig, links und rechts. Und tatsächlich fällt Samen, hierhin und auch dorthin.
Ganz ähnlich ergeht es uns mit den unzähligen Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln. Worte und Inhalte verhallen. Das meiste filtern wir vorher heraus. Oft kommt nur ein kleiner Teil dort an, wo er Frucht tragen könnte – in unserem Innersten, im Herzen.
Wie das Gesäte Frucht trägt, umschreibt Jesus mit verstehen, einsehen und danach leben. Darum gibt er sich so große Mühe mit dem Erzählen von Gleichnissen. Doch noch stärker als eine erzählte Geschichte ist das, was man unmittelbar selbst am eigenen Leib erlebt und erfahren hat. Und auch hier kann man in Jesus seinen Meister finden. Denn Jesus lebt konsequent seine Botschaft. Was er den Menschen predigt, sind nicht nur warme Worte, vor allem dann nicht, wenn es eng für ihn wird – also im Angesicht des Todes. Und überhaupt: Dass in Jesus der unbegreifbare Gott Mensch geworden ist, einer von uns, belegt ja, wie ernst es Gott damit meint, von uns verstanden und angenommen zu werden.
Wenn aber Gott zu uns in und durch Jesus spricht, geht es ihm nicht um ein automatisches Ja und Amen unsererseits. Der Gott, den wir glauben, will ein freies Gegenüber. Er will sich und seine Botschaft der Liebe in aller Gänze so mitteilen, dass wir sie verstehen. Dabei nimmt er bewusst in Kauf, dass im Rahmen dieses Freiheitsverhältnisses von Gott und Mensch gut 75% seiner Botschaft einfach zu verpuffen drohen.
Wo Gott in Jesus die Botschaft seiner heilbringenden Liebe in ihrer ganzen Schönheit in die Welt hinausstreut, setzt er zu 100% auf die Freiheit des Menschen. Nie setzt er, wenn er sie in unsere Welt und in unsere Ohren und Herzen aussät, auf Zwangsmaßnahmen.
Gottes Botschaft ist also von Form und Inhalt her das genaue Gegenteil zum Nürnberger Trichter. Seine Liebe möchte uns im Innersten erreichen. Dabei hofft unser Gott allein auf unsere freie Antwort. Da, aber wo die gegeben wird, da trägt sein Wort reiche Frucht: hundertfach, sechzigfach und dreißigfach.