23. Sonntag im Jahreskreis (A)

Predigtimpuls

Versöhnung in der Gemeinde

1. Lesung: Ez 33,7-9
2. Lesung: Röm 13,8-10
Evangelium: Mt 18,15-20

Die „guten alten Zeiten“ gab es nicht
Über das Leben der Christen im 1. Jahrhundert gibt uns die Apostelgeschichte Auskunft. Das Bild, das sie von der Gemeinde in Jerusalem zeichnet, trägt teilweise ideale Züge. Der HI. Geist lässt die Gläubigen „ein Herz und eine Seele“ sein. Sie nehmen in den Häuser der Mitglieder gemeinsame Mahlzeiten ein, sorgen für Mittellose und Kranke in der Gemeinde. Äußeres Zeichen ihrer Liebe zueinander ist die Gütergemeinschaft. Der Auferstandene lässt die Gemeinde rasch wachsen.
In Apg 6,1 fällt ein Schatten auf dieses ideale Bild. Wir lesen, dass die Hellenisten gegen die Hebräer aufbegehrten, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen worden waren. Auch das Auftreten der ersten Christen in der Öffentlichkeit scheint zwiespältig gewesen zu sein. Einerseits ist von Verfolgungsaktionen gegen sie die Rede, andererseits scheint sich die Gemeinde verhältnismäßig ungestört ausgebreitet zu haben. Aufgrund der Berichte von Christenverfolgungen und Hinrichtungen in den Evangelien müssen wir annehmen, dass sich die Lage der Christen immer mehr verschlechterte. Vor diesem Hintergrund ist das heutige Evangelium zu lesen:

Der lnstanzenweg in der Gemeinde
Wenn jemand aus der Ordnung der Gemeinde herausfiel — und das scheint die Annahme und nicht oft der Fall gewesen zu sein - wird von einem Instanzenweg gesprochen. Alle Gemeindemitglieder sind füreinander verantwortlich und sollen aufeinander achten. Bei der Vermutung, dass eine Schwester oder ein Bruder schuldig geworden sind, soll man nicht schweigen, sondern ein Gespräch suchen. Aus Liebe zum anderen soll unnötiges Aufsehen vermieden werden: weise sie oder ihn unter vier Augen zurecht.
Entscheidend dabei ist, dass es in Liebe geschieht, in Bejahung des Wertes der anderen Person. Da geht es nicht um eigene Interessen, Selbstgerechtigkeit, Rechthaberei, oder darum, anderen „den Kopf zu waschen“, sondern um ein „Zurechthelfen“, d. h. sie mit Takt und Einfühlungsvermögen auf etwas aufmerksam zu machen. Erst wenn das aus verschiedenen Gründen nicht gelingt, soll die nächste Instanz zu Hilfe genommen werden. Nach alter jüdischer Tradition ist die Angelegenheit unter Hinzuziehung von einem oder zwei anderen Zeugen neuerlich zu besprechen. Wenn alle Bemühungen erfolglos waren, hat die Gemeinde das letzte Wort. Konflikte sollen gemeinsam gelöst werden. Das endgültige Scheitern der Gespräche berechtigt die Gemeinde, ein Mitglied auszuschließen, das dann „wie ein Heide oder Zöllner“ wäre. Ein solcher Ausschluss darf aber nicht als endgültiges Urteil über einen Menschen gesehen werden. Viele Beispiele zeigen, welche Liebe Jesus zu allen Menschen hat, zu Sünder und Zöllner, Gerechten und Frommen. Immer wieder spricht er sehr eindringlich von dem, was in Israel durch eine lange Tradition lebendig ist: die Barmherzigkeit Gottes. Es gibt kein Reich Gottes ohne Vergebung, Versöhnung und Frieden. Auf die Frage von Petrus, wie oft man vergeben muss, sagt Jesus: „… nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal“. Unbegrenzt soll das Maß des Vergebens sein.

Binden und Lösen
Die Schriftgelehrten Israels waren berechtigt, Gebote in bestimmten Fällen für unverbindlich zu erklären. In Kap. 16,18 wird Petrus mit dieser Vollmacht ausgestattet. Im heutigen Evangelium wird diese Vollmacht auf die ganze Gemeinde übertragen und ihr damit große Verantwortung auferlegt. Ihr Tun muss auch vor Gott Gültigkeit haben. Verwaltet sie dieses Amt so, dass sie die Fehlenden schont, nicht erniedrigt, nicht unterwirft, oder verurteilt sie ohne Nachsicht? Gerade der Umgang mit Andersdenkenden zeigt, welche Regeln bei Konfliktlösungen in einer Gemeinschaft angewendet werden. Eine Gemeinde, die sich auf Jesus beruft, muss in seinem Sinn handeln. Er war gekommen, um Gottes Liebe als Antwort auf das Böse in der Welt darzustellen. Liebe bleibt aber so lange wirkungslos, als es ihr nicht gelingt, dem Bösen im gleichen Maß entgegenzuwirken. Wo das nicht geschieht, ist er nicht mitten unter ihnen. Ein sehr ernstes Wort für uns alle.

[Anmerkung der Redaktion: Die von Frau Fessler verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 1996; S. 346f]

Eva Fessler

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