Mariä Empfängnis (H)

Predigtimpuls

„Was hast du, das du nicht empfangen hättest“

1. Lesung: Gen 3,9-20
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Eph 1,3-12
Evangelium: Lk 1,26–38
Zum Kantillieren des Evangeliums: www.stuerber.de

Am 11. Februar dieses Jahres waren es genau 140 Jahre her, dass die Mutter Gottes dem einfachen, armseligen Mädchen Bernadette Soubirous zum ersten Mal in der Höhle Massabielle bei Lourdes erschienen ist.
Für das Mädchen Bernadette war sie zunächst einfach nur die „Dame“. Natürlich wusste sie, wer diese Dame ist. Aber erst bei der letzten Erscheinung nannte die schöne, namenlose Frau auch einen Namen. Sie sagte: „Que soy l’immaculada councepciou.“ „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Ein seltsamer Name. Erst vier Jahre zuvor hatte Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet; die Lehre nämlich, dass ,die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis … im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi … von jedem Schaden der Erbsünde unversehrt bewahrt wurde.“
Doch das Seltsame ist wohl weniger, dass diese Lehre durch Maria in Lourdes bestätigt wurde, sondern wie sie sie selbst ausdrückt, nämlich nicht: Ich bin die, die unbefleckt empfangen wurde, sondern: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Franz Werfe! Lässt in seinem Roman ,,Das Lied der Bernadette“ den kritischen und zunächst heftig ablehnenden Dechant Peyramale zu Bernadette sagen: ,,Wenn die Allerseligste Jungfrau Maria wirklich zu dir spräche, dann könnte sie von sich aus nur sagen: Ich bin die Frucht der Unbefleckten Empfängnis. Nicht aber kann sie sagen: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis. Geburt und Empfängnis, das sind Geschehnisse. Eine Person aber ist kein Geschehnis.“ Hat der gute alte, zudem noch bärbeißige Priester nicht recht? Kann wirklich jemand von sich sagen: Ich bin die Unbefleckte Empfängnis? Bei tieferem Nachdenken wird man sagen: Ja, man kann; oder besser: Ja, diese eine, diese eine Frau, sie konnte; sie allein konnte Geheimnis ihres Lebens aus. Und dieses Geheimnis besagt: Was den allerersten Augenblick meines Daseins betraf, dass ich nämlich bewahrt blieb vom Mangel der Erbschuld, das hat mein ganzes Leben geprägt. Alles in mir war reine Empfänglichkeit für Gott. Seinem Wirken an mir habe ich nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt. Mein Wesen war die Offenheit und Bereitschaft, alles zu tun und anzunehmen, was Gott von mir wünschte.
So weit, so gut. Dies mag nun alles recht vertraut klingen. Doch diese Aussage gewinnt an Dramatik, wenn man die Zeit bedenkt, in die hinein sie ertönte. Und vor diesem Hintergrund wird sie geradezu zu einer programmatischen Aussage über den Menschen, zu einem Fanal, das der Himmel der Erde zuruft. Denn sie macht einen Lebensentwurf deutlich, der radikal dem Lebensentwurf unseres Zeitalters entgegengesetzt ist, das sich damals mit immer größerer Beschleunigung zu entwickeln begann. Es ist das Zeitalter des homo technicus, des homo Jaber, des Macher-Menschen, des Menschen, dessen erste Haltung Gott und auch der Schöpfung gegenüber nicht
Mehr die ist, aus dem Bewusstsein und aus der Haltung des Empfangenhabens heraus aktiv zu werden, sondern aus der Haltung heraus: Ich selbst entwerfe aus eigener Machtvollkommenheit mein Leben, das Leben der anderen, das der Gesellschaft. Ich selbst zwinge das Paradies von einem jenseitigen Himmel auf die Erde herab. Es ist das Zeitalter der aufkommenden Ideologien, denen eine bis dahin nicht gekannte Zahl von Menschen zum Opfer fallen wird. Die ganze Schöpfung will der homo technicus in den Griff bekommen, unter seinen Willen zwingen, und hier macht der Mensch auch vor dem Menschen nicht halt.
Selbst da, wo das Geheimnis des Lebens als ein Geheimnis der Empfängnis am. Deutlichsten spürbar wird, nämlich in der Empfängnis neuen menschlichen Lebens, selbst da ist der ehrfurchtslose Zugriff des Macher-Menschen gewiss. Das in der Retorte hergestellte Baby ist nicht mehr die geheimnisvolle Frucht der Liebe zwischen Mann und Frau, sondern das Produkt eines dazwischengeschalteten Dritten, des Technikers, der das Herstellen von Menschen zu seinem Geschäft gemacht hat. Dass tausende von Embryonen als Abfallprodukt dieses Zugriffs auf die Zeugung des menschlichen Lebens auf der Strecke bleiben, sind die modernen Menschenopfer, dargebracht auf dem Götzenopferaltar des menschlichen Fortschritts, im Letzten dem Götzen Mensch selbst.
Max Frisch, der in seinem Roman „Homo Faber“ diesen Typ von Mensch beschreibt, lässt seinen Helden gegen Ende des Buches zu der Erkenntnis kommen: Technik ist der ,Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen“ (S. 169). Das will sagen: Wo immer der homo technicus die Welt, die Schöpfung, die Natur, ja sogar den Mitmenschen und schließlich auch Gott als Widerstand erlebt, wo immer er auf etwas stößt, was ihm eine Grenze setzt-da hat er die Tendenz, diesen Widerstand, wenn nötig, auch mit unlauteren Mitteln zu brechen und jede Grenze niederzureißen. Keine Grenze zu haben, sich keinem Widerstand beugen zu müssen, kommt aber allein Gott zu. Die Welt als Widerstand aus der Welt schaff en zu wollen, ist daher nichts anderes als der Wille des homo Jaber, sich selbst zum Weltengott zu erheben, also, wie Gott zu werden“, was ja nach dem Buch Genesis bekanntlich die Ursünde des Menschen ist. Natürlich ist dem Menschen, ist uns aufgetragen, uns die Schöpfung untertan zu machen. Aber genauso natürlich nur in Verantwortung vor Gott, in Verantwortung vor den Mitmenschen und der uns anvertrauten Schöpfung. Nur wer nicht zuerst als Macher, sondern zuerst als Empfangender vor Gott steht, wird dann auch das ihm aufgetragene Gestalten und Machen in rechter Weise vollziehen. Dies war die Haltung Marias. Weil sie nicht eine Spur Gott oder wie Gott sein wollte, sondern ganz und gar das, was sie ist, Geschöpf, deswegen bezeichnet sie sich als das, was jedes Geschöpf bis in seine letzte Faser kennzeichnet: nämlich empfangend zu sein. „Was hast du, das du nicht empfangen hast“ (1Kor 4,7), schreibt der heilige Paulus.
Aber diese Haltung meint nicht einfach Passivität. Wer rein passiv ist, kann gar nicht empfangen. Nein, nur wer mit offener Bereitschaft, mit gespannter Aufmerksamkeit, mit geöffnetem Geist, Herz und Leib vor Gott steht, der ist in der Lage, das Angebotene aufzunehmen und mit allen Kräften der eigenen Kreativität in die Tat und ins eigene Leben umzusetzen. Und zwar genauso, wie eine Frau die empfangene Frucht ihres Kindes aus ihren eigenen Kräften nährt und ihm so Wachstum und Gedeihen verleiht. Die geistige Haltung Marias ist gleichsam das biologische Gesetz der Frau und Mutter. Dass dieses leibliche Prägmal der Frau und Mutter auch zur geistigen Haltung von Frauen und Männern wird, dazu ist uns das Vorbild Marias gegeben. Sie, die sich als unbefleckte, vorbehaltlose Empfängnis bezeichnet hat, ist in der Tat das personale Geschehnis eines Menschen, der sich mit allen aktiven, inneren und äußeren Kräften dem Wirken Gottes geöffnet und zur Verfügung gestellt hat. Gerade so aber stellt sie einen alternativen Lebensentwurf dar zu den Lebensentwürfen, die unsere Zeit so sehr kennzeichnen.
Was der reine Macher-Mensch, dem Gott gleichgültig ist oder der gar im Widerstand gegen ihn handelt, sät, trägt den Keim der Zerstörung in sich: der Zerstörung seiner selbst, der Mitmenschen, schließlich – uns allen vor Augen – der Schöpfung insgesamt. Was der Mensch sät, dem Maria zum Vorbild seines Lebens wird, trägt in sich den Keim des Lebens, ja den Keim dessen, der das Leben selbst ist, dessen Geburt wir in diesen Tagen des Advents erwarten, den Maria uns geboren hat und der nichts anderes will, als die zu beschenken, die bereit sind, von ihm zu empfangen.

[Anmerkung der Redaktion: Die von Kaplan Windolf verfasste Predigt wurde bereits veröffentlicht in: DIE ANREGUNG, Nettetal 1998; S. 483-485]

Bodo Windolf, Kaplan

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