Predigtimpuls
„Gib auf dich acht!“
1. Lesung: Ez 33,7-9
Zwischengesang: www.antwortpsalm.de
2. Lesung: Röm 13,8-10
Evangelium: Mt 18,15-20
Die ganz praktischen Vorschläge Jesu im heutigen Evangelium, um in der Gemeinschaft der Glaubenden Verantwortung füreinander zu übernehmen, leuchten mir ein.
Wenn jemand sich daneben benommen hat oder einen Fehler gemacht hat, was ist dann naheliegender als auf ihn zuzugehen und die Sache mit ihm unter vier Augen zu besprechen? Ich vermute, dass sich auf diese Weise 90% der Fälle wieder ins Reine bringen lassen. Denn: Wer etwas Schlechtes getan hat, wird so nicht bloß gestellt. Und das gibt ihm die Chance, ohne sich vor anderen schämen zu müssen, wieder neu anzufangen.
Ich kann verstehen, dass ein solches Gespräch mitunter recht unbequem sein kann. Dass es aber der richtige Weg ist, lässt sich nicht bestreiten.
Für die restlichen 10% könnte man dann auf die beiden anderen Vorschläge zurückgreifen: man nimmt noch ein oder zwei andere Menschen hinzu, bespricht mit dem Übeltäter, was vorgefallen ist, und sucht nach einer Entscheidung.
Erst im äußersten Fall größter Uneinsichtigkeit, Dickköpfigkeit oder Verstocktheit könnte die von dem verantwortungslosen Tun eines Einzelnen ganze betroffene Gemeinschaft miteinbezogen werden.
Soweit das Evangelium!
Anders die Wirklichkeit, in der es meist ganz anders zugeht: Anstatt mit dem Menschen, der etwas Schlechtes getan hat, zu sprechen, wird allzu oft zunächst mit Dritten über ihn gesprochen. Die um einige Grade schärfere Nuance sähe so aus: Man hat an der Verfehlung des Anderen derart Freude oder hält sie für derart interessant, dass man sie mit möglichst vielen einfach nur möglichst breit tritt.
Auch die gegenteilige Reaktion ist höchst realistisch. Das Schlechte oder Böse, das jemand zu verantworten hat, wird gar nicht erst ausgesprochen. Es wird ebenso großzügig wie unberührt darüber hinweggesehen, runter geschluckt, unter den Teppich gekehrt. Gras möge darüber wachsen! Oft bemerkt man dann allzu spät, dass nicht grünes Gras gewachsen ist, sondern sich Moder über das Unausgesprochene gelegt hat oder es unter dem Teppich anfängt zu stinken.
Wieder andere schweigen zunächst mal, heben sich aber die Verärgerung über die Verfehlung eines Mitmenschen auf, um ihm in einem günstigen Moment das Aufgestaute an den Kopf zu knallen.
Soweit die Realität.
Dahin gestellt sei, warum wir Menschen so reagieren: aus Angst, Unsicherheit, schlechter Erfahrung - oder wer weiß. Auf keinen Fall lässt sich jedoch bestreiten, dass solche Reaktionen dem vom Evangelium geforderten verantwortlichen Umgang miteinander nicht entsprechen - und eigentlich auch nicht einem tiefen menschlichen Empfinden für seelische und soziale Hygiene.
Aus der Tradition der Wüstenväter gibt es eine Geschichte, die auf sehr menschliche Weise die befreiende Wahrheit des Evangeliums erschließt:
Eines Tages kam Bischof Ammonas in ein Dorf. Die Bewohner sind schwer aufgebracht über einen Mönch, der außerhalb des Dorfes am Berg wohnt. Die Leute erzählen sich, er würde immer wieder trotz seines Gelübdes Frauen in seine Zelle lassen. Schon lange hat der Mönch diesen schlechten Ruf. Die Leute bestürmen nun die bischöfliche Autorität: Er soll über den Mönch ein Machtwort sprechen und dessen bösem Treiben ein Ende setzen.
Also steigt der Bischof frühmorgens den Berg hinauf, die gesamte Dorfbevölkerung hinter ihm her. Als der Mönch die Leute, den Bischof voran, den Berg hinaufkommen sieht, packt ihn die schiere Panik. Er steckt die Frau, die die Nacht bei ihm verbracht hat, kurzerhand in ein Fass und sieht die Katastrophe auf sich zukommen.
Der Bischof kommt als erster oben an, betritt die Hütte und durchschaut blitzschnell die Situation. Sofort setzt er sich auf das Fass, winkt die Leute herein und sagt: „Durchsucht die Hütte! Sucht die Frau!“
Als sie alles durchsucht und die Frau nicht gefunden haben, sagt ihnen der Bischof: „So, jetzt kniet nieder und bittet Gott um Verzeihung, dass ihr dem Bruder so übel nachgeredet habt.“
Als sie sich beschämt auf den Nachhauseweg gemacht haben, geht Ammonas zu dem Mönch, nimmt ihn bei der Hand und sagt: „Bruder, gib auf dich Acht!”
Bruder, Schwester, gib auf dich Acht! So angesprochen, wird der Sünder nicht bloßgestellt, sondern respektiert. Ihm wird zugetraut, selbst auf sich achtzugeben. Es braucht keine selbstgerechten Aufpasser und Wachhunde, um ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Und doch wird auch seine Realität als verwundbarer und zerbrechlicher Mensch nicht verniedlicht, denn ohne die Achtsamkeit sich selbst gegenüber und ohne die liebevolle Sorge der andern, ist er in Gefahr, in die Irre zu gehen.
Gib auf dich Acht! - Darin liegt alles, was zu sagen war. Wenn jemand fehl geht, geht es nie darum ihn oder sie bloß zu stellen und dem Mitmenschen, der sich verfehlt hat, seine Fehler gehörig um die Ohren zu schlagen. Vielmehr geht es darum, ihn oder sie zurück zu gewinnen.
Darum geht es Jesus und darum geht es auch all denen, die ihm nachfolgen: Jeder ist es wert, zurückgewonnen zu werden. Bevor einer festgenagelt oder abgestempelt wird, gibt es genug Möglichkeiten, ihm Vergebung zu schenken, um ihm so den Weg zu Umkehr und Neuanfang zu bereiten.