Deutschland
12. Aug 2026
Am 11. August 2026 verstarb im Wendelinusheim der Steyler Missionare in St. Wendel unser Mitbruder Pater Rudolf Kalesse SVD.

„So Gott will, soll die Gesellschaft vom Göttlichen Worte meine letzte Heimat hier auf Erden sein.“ Diese Worte schrieb Pater Kalesse selbst im Jahr 1947, bevor er in unsere Gemeinschaft aufgenommen wurde. Er blieb sich und seiner Berufung treu – sein Leben lang.
Auf dem Schreibtisch seines Sterbezimmers liegt ein kleines Täfelchen mit dem Psalmwort: „Der Herr ist die Kraft meines Lebens.“ Mit Gott an seiner Seite konnte Pater Kalesse weit gehen: bis nach China und immer wieder hoch hinaus – dorthin, wo es ihn besonders hinzog, auf die Berge.
Pater Rudolf Kalesse wird am 26.11.1927 in Katowitz (Polen) geboren, wo er eine „sonnige Kindheit“ erlebt. Durch seine Eltern erfährt er eine tiefe religiöse Prägung. Mit seinen drei Brüdern Erwin, Walter und Werner wächst er in enger Verbundenheit auf. In Katowitz besucht er die katholische deutsche Volksschule und das Gymnasium, bis er 1943 Luftwaffenhelfer wird und später zum Arbeits- und Wehrdienst (Kriegsmarine) herangezogen wird. Die Zeit in englischer Gefangenschaft bis November 1945 wird für seinen weiteren Lebensweg entscheidend: „Viel Zeit zum Nachdenken! Hier hörte ich Gottes Ruf zum Priestertum.“ Als die Familie 1945 ihre Heimat und alles, was sie sich aufgebaut hatte, verlassen musste, sagte Rudolfs Vater: „Wir gehören zu den Glücklichen. Wir haben im Krieg keinen der Unsrigen verloren.“
Um seine Gymnasialstudien fortzusetzen, ging er für einige Monate ins Klemensheim nach Bad Driburg, wo er erste Erfahrungen im Leben in einer religiösen Gemeinschaft machte. Vor Ort hörte er von und über die Steyler Missionare, die er bislang nur aus der Zeitschrift Stadt Gottes kannte. Im Klemensheim sagte man seinerzeit über die Steyler, sie hätten einen schiefen Hals gehabt, sollen also zu fromm gewesen sein. Gerade das spornte ihn an, genauer hinzuschauen. Denn der Wunsch, Missionar zu werden, war schon damals in ihm lebendig.
Von der ersten Absage der Steyler Missionare ließ er sich nicht entmutigen. Nach drei Wochen klopfte er einfach erneut an deren Tür – und diesmal öffnete sie sich ihm. Das Jahr in unserem Haus St. Xaver, in dem er bis zum Abitur blieb, behielt er in bester Erinnerung: „Ich habe nie wieder ein so intensiveres religiöses Leben geführt wie in diesem Jahr – es war die ganze Atmosphäre des Hauses und nicht zuletzt das Beispiel der Brüder, das uns geprägt und in den Geist des Stifters eingeführt hat. Wie ein Schwamm das Wasser aufsaugt, so habe ich all das Neue in mich aufgenommen.“ Das anschließende Noviziat in St. Augustin beschreibt er dagegen eher als kalte Dusche. Statt rational bestimmte Themen zu durchdenken, hätte er lieber „einfach bei Gott verweilt“. 1953 wurde Pater Kalesse gemeinsam mit 21 Mitbrüdern zum Priester geweiht. In seinem Missionsantrag standen an erster Stelle Indien, an zweiter Japan und an dritter Stelle „jede andere Mission“ – jedoch ausdrücklich nicht China, denn er wusste von den Missionaren, die das Land verlassen mussten.
Sein Missionsauftrag bestand zunächst für viele Jahre im Unterrichten an unseren Schulen in Deutschland. Nach seiner ersten Lehrtätigkeit in unserem Mutterhaus in Steyl studierte er Latein, Griechisch und Geschichte in Bonn und Münster und war anschließend als Lehrer in St. Arnold und viele Jahre in St. Johann tätig. Pater Kalesse war ein ausgewiesener Fachmann, der sich mit ungewöhnlichem Fleiß für seine Fächer engagierte. Er forderte und förderte seine Schüler. Sich selbst zählte er nicht zu den charismatischen Lehrenden und suchte deshalb eigene Wege, mit den jungen Menschen in Kontakt zu kommen. Im Schach fand er einen solchen Zugang: Er veranstaltete Schulmeisterschaften und begeisterte seine Schüler für das Spiel. Auch seine Leidenschaft für die Berge konnte er mit ihnen teilen. Viele mehrtägige Schullandheimaufenthalte und Bergwanderungen blieben ihm zeitlebens in lebendiger Erinnerung. Neben Schule und Internat war es für P. Kalesse selbstverständlich, an Sonn- und Feiertagen auch in umliegenden Gemeinden Gottesdienste zu feiern. Dafür nahm er weite Wege auf sich und fand dabei guten Kontakt zu den Menschen.
Fast hätte sein Leben an dieser Stelle ruhig weitergehen können – vielleicht als Schulleiter unserer Schule. Doch auf dem Berg in Nemi (Italien), wo er im Sommer 1980 gemeinsam mit drei Mitbrüdern aus St. Johann an einem spirituellen Erneuerungskurs teilnahm, nahm sein Leben mit einem kleinen, beiläufigen Satz beim Frühstück noch einmal eine große Wendung: „Komm doch zu uns nach Taiwan.“ Der Gedanke, nach Taiwan zu gehen, ließ ihn nicht los. Er besorgte sich ein Lehrbuch der chinesischen Sprache und begann, sich darin einzuarbeiten. Zwei Monate später war klar: Mit 53 Jahren würde er noch einmal aufbrechen. 1982 flog P. Kalesse nach Taiwan und blieb dort fast 20 Jahre. Er lernte weiter Chinesisch und brachte es nach eigenen Angaben auf 3.500 Schriftzeichen – ausreichend für Gottesdienste und das Breviergebet, das er auch privat gerne auf Chinesisch betete. An der Fu Jen Universität wurde er Associate Professor in der Deutschabteilung und unterrichtete Latein und Griechisch. Durch sein Engagement konnte dort eine Fachbibliothek aufgebaut werden.
Zurück in Deutschland war für P. Kalesse noch lange nicht ans Ausruhen zu denken. Vielmehr hieß es: dranbleiben – mit Fleiß und Disziplin. Sein letztes formelles Zeugnis ist das Zeugnis über die Erweiterungsprüfung in Hebräisch, die er 2004 mit „sehr gut“ bestand. Sein Wunsch war es, die Schriften des Ersten Testaments in der Ursprache lesen zu können.
Seit 2005 lebte P. Kalesse in unserem Missionshaus in St. Wendel. Auch hier blieb er seinen Sprachen und Übersetzungsarbeiten treu, etwa bei der Übertragung des Hymnos Akathistos aus dem Griechischen ins Deutsche. Nach dem Tod seiner leiblichen Brüder pflegte er weiterhin regen Kontakt zu seinen Nichten und Neffen und auch zu deren Kindern, die ihn regelmäßig besuchten. Eine Nichte erinnert sich bis heute an seine lebhaften Erzählungen von seinen Wanderungen in der Hohen Tatra und an seine Leidenschaft für die Berge. Sie erlebte ihn als „Mann Gottes“, der in sich und in Gott ruhte – zufrieden in seiner eigenen Welt, die geprägt war von seiner Liebe zu den Sprachen und seiner Beziehung zu Gott.
Von sich selbst machte P. Kalesse in den letzten Jahren wenig Aufhebens. Er wusste, was er wollte, und blieb sich selbst treu. Bis drei Tage vor seinem Tod war er noch selbstständig mit dem Rollstuhl unterwegs. Am Sonntag wurde er schwach, empfing am Nachmittag das Sakrament der Krankensalbung und starb zwei Tage später ruhig im Beisein eines Freundes und zweier Pflegerinnen.
Für so viel Gutes und für ein so engagiertes Leben in der Nachfolge sind wir dankbar.
Bruder Bernd Ruffing SVD, Rektor