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15. Jan 2026
Paolo De Troias „European Falconry in Qing China gibt einen Einblick in ein wenig bekanntes Werk eines Jesuitenmissionas in China, das „Jincheng yinglun“ (Abhandlung über Falken für den kaiserlichen Hof).

Am 12. Juli 1675 besuchte der gerade 21-jährige Kaiser Kangxi zum ersten Mal die Residenz der Jesuiten in der Nähe des westlichen Stadttors von Peking. Während der Besichtigung ihrer Bibliothek fragte er die Missionare, ob sie unter ihren zahlreichen Büchern auch solche zur Falknerei hätten und war begeistert, das reich illustrierte Werk „Ornithologiae“ des italienischen Naturkundlers Ulisse Aldrovandi (1522–1605) betrachten zu können. Er war so davon angetan, dass er die Missionare um eine Übersetzung derjenigen Teile des Buches über Falken bat.
Dieses Interesse kam nicht von ungefähr: Kangxi war ein passionierter Falkner. Er gehörte zum Volk der Mandschuren, die China 1644 erobert hatten und seither beherrschten. Dieses ursprünglich nomadisch lebende Volk war jedoch seit vielen Jahrhunderten sesshaft geworden. Bestimmte nomadische Traditionen wie die Jagd mit Falken, Hunden und Bogen pflegte der mandschurische Adel als kulturelles Erbe wie auch als Methode, kriegerische Fertigkeiten zu trainieren. Die Einladung zur Teilnahme an der kaiserlichen Jagd war eine hohe Auszeichnung für die mandschurische Gesellschaft der Qing-Zeit.
Den jesuitischen Missionaren eröffnete sich so eine einmalige Chance, über die sowohl in Europa als auch Asien verbreitete Kulturtechnik der Falknerei gute Beziehungen zu dem jungen Herrscher aufzubauen. Der in der Pekinger Jesuitenresidenz lebende Italiener Ludovico Buglio SJ (1606–1682) erstellte die gewünschte Übersetzung für den Kaiser, die Kangxi 1678 als „Jincheng yinglun“ (Abhandlung über Falken für den kaiserlichen Hof) übergeben wurde.


Buglio war für diese Aufgabe hervorragend geeignet, da er selbst mit der Falkenjagd als Teil der Adelskultur Süditaliens vertraut war: Als Sohn eines sizilianischen Barons wurde er im Alter von sechs Jahren in Palermo in die Obhut des Ritterordens der Malteser gegeben, einem Orden, der für seine Expertise in der Falknerei berühmt war. Mit 17 Jahren verließ Buglio die Malteserritter, um Jesuit zu werden. So ist stark anzunehmen, dass Buglio auch über praktische Erfahrungen mit der Aufzucht, der Abrichtung und der medizinischen Behandlung von Falken verfügte.
Paolo De Troias „European Falconry in Qing China: The Treatise on Falcons (Jincheng yinglun 進呈鷹論) by Ludovico Buglio S.J. (1606–1682)“ ist die jüngste Buchveröffentlichung des Instituts Monumenta Serica. Es gibt eine Einführung in die Geschichte dieser besonderen kulturellen Begegnung zwischen China und dem Westen. In seiner anschließenden Übersetzung des „Jincheng yinglun“ rekonstruiert der italienische Sinologe, welche Teile der „Ornithologiae“ Buglio für sein chinesisches Handbuch über die Falknerei übernahm, jeweils mit Verweisen auf das lateinische Original.
Buglios Werk behandelt das Erscheinungsbild gesunder Falken, ihr Temperament, ihre angemessene Fütterung, das Training wild gefangener Falken sowie die Eigenarten und Vorzüge bestimmter Falkenarten wie Wanderfalken, Gerfalken, Sakerfalken und Sperber. Ein großer Teil des „Jincheng yinglun“ ist der Diagnose und Behandlung häufiger Verletzungen und Erkrankungen von Falken gewidmet.
![Giuseppe Castiglione SJ, „Weißer Raubvogel [Gerfalke]“, nach 1751. Nationales Palastmuseum, Taipei.](/wMedia/img/weblication/wThumbnails/Fig.-18-Castiglione_White_Gyrfalcon_2-8ab5201b-924f645a@ll.jpg)

Diese ist entsprechend der lateinischen Vorlage stark von Konzepten aus der westlichen Medizin wie der „Vier-Säfte-Lehre“ des Hippokrates geprägt, die Buglio aber nicht eigens für sein chinesisches Publikum erläutert. In einzelnen Fällen weicht er jedoch von seiner Vorlage ab und verweist auf Ansätze aus der chinesischen Medizin und Philosophie, wie z.B. das Konzept „qi“ (etwa: Atem, Luft, Lebensenergie), oder gibt chinesische Heilpflanzen als Alternative für damals nur in Europa heimische Kräuter an.
„European Falconry in Qing China“ ist ein ansprechend gestaltetes Werk mit zahlreichen Illustrationen – teils in Farbe – und einem Faksimile des chinesischen Textes. Es ist damit für Fachleute wie auch ein allgemeines Publikum interessant, das mehr über die Jesuitenmission in China, die Geschichte der Qing-Dynastie, die mandschurische Kultur und die weltweite Geschichte der Falknerei erfahren möchte.
Text: Dr. Dirk Kuhlmann
Paolo De Troia, European Falconry in Qing China: The Treatise on Falcons (Jincheng yinglun 進呈鷹論) by Ludovico Buglio S.J. (1606–1682)
Monumenta Serica Monograph Series, 74. Institut Monumenta Serica, Sankt Augustin
Routledge, Abingdon, Oxon 2026 [Erscheinungsdatum: 19. Dezember 2025]. ix, 142 S., 10 Farb- & 11 schwarz-weiß Illustrationen, Bibliographie, Index. 190.00 € (Hardcover) / 54,99 € (eBook).
ISBN 978-1-041-11710-0 (Hardcover)
ISBN 978-1-003-66128-3 (eBook). ISSN 0179-261X
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