Alternative Krippe in Kreuzberg: Wo ist dein Platz beim Jesuskind?

Deutschland

05. Jan 2026

Die Heilige Familie, gehüllt in Rettungsdecken unter einer Nachbildung des Kottbusser Tors: In St. Michael in Berlin Kreuzberg erwartet die Besucher eine besondere Krippe. Sie lädt dazu ein, zu fragen: Wo ist mein Platz an dieser Krippe?

Alternative Krippe in Kreuzberg: Wo ist dein Platz beim Jesuskind?

Sie steht noch bis Mariä Lichtmess am 2. Februar, denn die Botschaft von Weihnachten endet nicht mit dem engeren Kreis der Festtage. Sie bleibt relevant: „G*tt, die Liebe, wird Mensch – für alle, für jede*n, für mich.“

Als ein Wechsel der Aufgabe anstand, wer in der Gemeinde die Krippe aufstellt, bot sich die Gelegenheit, etwas Neues und Alternatives auszuprobieren. Der Steyler Missionar Bernd Ruffing SVD gründete deshalb eine Krippen AG. „Wir waren zu viert, ein cooles internationales Team und aus verschiedenen Ordensgemeinschaften“, erzählt er. So folgen die Ideen hin und her: „Wie könnte es sein?“ „Eine politische Krippe wäre cool.“ „Sie soll etwas mit uns hier zu tun haben.“ „Dass Maria und Josef ins Stadtbild passen.“

Die Krippe steht am Kotti

Schließlich war klar: „Wir bauen einfach das Kotti. Kotti ist in Berlin ein Begriff, und es ist die nächste U-Bahn-Station zu unserer Kirche, eigentlich das Kottbusser Tor, das auch bekannt ist für Obdachlosigkeit, Drogenszene und Gewalt – nicht nur, aber eben auch.“

Eine Ordensschwester kümmerte sich darum, die Haltestelle und die U-Bahn reduziert, aber erkennbar nachzubauen, und die Krippenfiguren in die goldenen rettungsdecken z hüllen. „Sie war während ihres Noviziates in der Paramenten-Abteilung ihres Klosters eingesetzt“, erzählt Bernd Ruffing. „Wir hatten viel Spaß und es kam immer noch ein Detail dazu – zuletzt ein Graffiti auf der U-Bahn mit dem Wort „Menschwerdung“, auf das ich besonders stolz bin.“

In der Krippe der Berliner Gemeinde St. Michael in Kreuzberg kommt die heilige Familie 2025 am Kottbusser Tor an – gehüllt in Rettungsdecken.
In der Krippe der Berliner Gemeinde St. Michael in Kreuzberg kommt die heilige Familie 2025 am Kottbusser Tor an – gehüllt in Rettungsdecken.

Jeder hat seinen Platz an der Krippe

„Uns war die Idee wichtig, dass jede*r seinen Platz an der Krippe hat. Gott wird Mensch, MITTEN UNTER UNS. Deshalb steht sie auch nicht wie sonst vorne links, neben dem Altar. sondern mittendrin, mitten zwischen den Stuhlreihen, und der Stern leuchtet genau darüber“, erläutert Bernd Ruffing.

Impulstexte laden die Besucher ein, über die besondere Gestaltung der Krippe nachzudenken – vor allem darüber, wo sie sich selbst darin sehen. Sie sind auch eingeladen, sich mit einem Hölzchen, das sie aufstellen, oder einem Stein, den sie ablegen, ihren Platz an der Krippe vor Ort zu suchen und etwas von sich dort zu hinterlassen.

„G*tt, heute suche ich meinen Platz an der Krippe. Mit meiner Figur (Stein) stelle ich mich zu Jesus, dem Kind, Maria und Josef und den anderen, mit dem, was mich freut, und mit dem, was mich belastet. Mit meinen Hoffnungen und mit dem, was mir Angst macht. Mit allem, was in meinem Alltag laut ist, und mit dem, was in mir leise geworden ist […]“, beginnt einer der Texte.

Nur positive Reaktionen

„Mich freut, dass es ausschließlich positive Reaktionen gab. Es ist bestimmt schon lange nicht mehr so viel über die Krippe gesprochen worden wie zu diesem Weihnachten“, sagt Bernd Ruffing. „Dass Maria und Josef am Kotti ankamen, war überhaupt keine Irritation. Das finde ich ganz erstaunlich, und ehrlich gesagt hätte ich so damit gar nicht gerechnet. Es liegt wohl daran, dass die Menschen dieser Gemeinde gelernt haben, Menschen in prekären Lebenssituationen Raum zu geben.“

Womit er auch nicht gerechnet hatte: Viele finden zuerst das Jesuskind nicht. „Maria trägt es unter ihrer Rettungsdecke, die Figuren sind übrigens die Figuren unserer normalen Krippe. Unsere Sehgewohnheit ist so, dass wir das Kind in der Krippe erwarten – dann stimmt alles. Doch Weihnachten ist das Fest, durch das Veränderung kommt: Das Schärfen unseres Blickes ist eine wunderbare Übung.“

Gänsehautmomente beim Schlusslied

„Normalerweise singen wir jeden Sonntag das Schlusslied draußen vor der Kirche – da bekommt die Sendung noch einmal einen ganz besonderen Ausdruck und Menschen wenden sich leichter einander zu, statt schnell aus der Kirche wegzulaufen und nicht gesehen zu werden“, beschreibt Bernd Ruffing. „In der Weihnachtszeit haben wir dann angefangen, das Schlusslied im Kreis um die Krippe zu singen. Der Gänsehautmoment war für mich der umgewandelte Text zu Ich steh an deiner Krippe hier von Holger Rehländer.“

Holger Rehländer, der Pfarrvikar der Berliner Gemeinde Theresa von Avila, hat den bekannten Text von Paul Gerhardt verändert, um ihn in die heutige Zeit zu bringen:

„Ich steh an deiner Krippe hier,
o Jesu, voller Sorgen,
ich komme, bring und zeige dir
mein Gestern, Heut und Morgen.
Ich seh dich an und bin so froh,
dass du mich ansiehst ebenso.
So könnt es immer bleiben.“

Alle Strophen finden Sie im Pfarrbrief der Gemeinde Theresa von Avila in Berlin.

Impulstexte und weitere Bilder

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