Deutschland
06. Sep 2025
Wie gelingt das Miteinander verschiedener Kulturen? Welche Erfahrungen der Steyler Missionare mit Interkulturalität helfen dabei? Eine Gesprächsrunde in Goch suchte im Kontext der Debatten um Zuwanderung nach Antworten.
Die Steyler Missionare haben sich dem Dialog der Kulturen verschrieben. Sie leben diese Interkulturalität bei ihrer Arbeit als Missionare in aller Welt und innerhalb ihrer internationalen Gemeinschaften. Goch am Niederrhein ist der Heimatort des Steyler Ordensgründers Arnold Janssen. Heute kommen viele Menschen aus aller Welt in die Stadt am Niederrhein – nicht nur als Pilger auf Arnolds Spuren, sondern auch, um dort Schutz zu suchen und neue Wurzeln zu schlagen.
Darum ging es in der Gesprächsrunde „Zuwanderung und Zusammenhalt“ im evangelischen Begegnungshaus M4 in Goch. Im Rahmen der Festwoche „150 Jahre Steyler Missionare“ sprach Dr. Elvira Neuendank, Leiterin der VHS Goch, mit Pfarrerin Rahel Schaller von der Evangelischen Kirchengemeinde Goch und Pater Georges Mondo Makonzo SVD. Zunächst berichteten sie von Erfahrungen mit Migration, Fremdsein und Ankommen sowie ihrer Arbeit mit Menschen, die in Deutschland Schutz suchen.
Pfarrerin Rahel Schaller stellte zu Beginn die Grundfrage, wie Menschen miteinander umgehen wollen. „Schauen wir immer noch auf die Herkunft von Menschen? Also, Frau Schaller ist keine richtige ‚Gochse‘ (Gocherin), weil sie nicht hier aufgewachsen ist – und jemand mit einer anderen Hautfarbe oder Kultur ist es vielleicht noch weniger? Oder gucken wir lieber, wie wir miteinander leben können?“
Aus eigener Erfahrung berichtete sie: „Ich habe in Israel gelebt, ich habe in den USA gelebt. Da habe ich sehr deutlich gespürt, dass ich in einem kulturell anderen Umfeld lebe, und dass das nicht immer reibungslos ist.“ Schaller, die seit 2002 in Goch tätig ist, konstatierte: „Auch am Niederrhein spürt man, dass man zugezogen ist“. Andererseits schaffe gerade die internationale Erfahrung, die in jüngeren Generationen immer mehr Menschen machten, „dass wir in dieser Welt leben und nicht nur an einem Ort.“ Theologisch gelte ohnehin: „Wir sind alle Fremde und Gäste in dieser Welt.“ (vgl. 1 Petr 2,11f)
VHS-Leiterin Dr. Elvira Neuendank beschrieb ihre persönliche Migrationsgeschichte. Als Kind kam sie mit ihrer Familie aus Kirgisien als Spätaussiedler nach Deutschland. „Ich habe mich schon als kleines Kind in der Schule und anderen Kontexten immer wieder erklären müssen: Ja, ich bin Deutsche. Die Frage ‚Woher kommst du?‘ kenne ich. Und ich habe es irgendwann geschafft, mich so sehr anzupassen, dass sie mir nicht mehr gestellt wurde.“
Nun fühle sie, dass es ihre Aufgabe sei, wieder darüber zu sprechen: „Ich möchte gegenhalten, wenn vielfach laut wird, was nicht von uns allen getragen wird, dass Zuwanderung negativ behaftet ist.“ Sie berichtete aus eigener Erfahrung von den Barrieren, auf die Zuwanderer in Deutschland stoßen: „Meine Eltern haben zwei Kinder gebraucht, um das deutsche Schulsystem zu verstehen.“
Pater Georges Mondo Makonzo ist Steyler Missionar in Goch. Aufgewachsen ist er im Kongo, wo er in die Kongregation der Stelyer Missionare eintrat und Philosophie studierte. Theologie studierte er in Ghana. Danach war er sechs Jahre lang als Missionar in Prag tätig, wofür er die tschechische Sprache erlernte. Dann kam er nach Deutschland. „Migration ist kein abstraktes oder politisches Thema für mich, sondern meine Lebensgeschichte“, sagte er. „Ich weiß, wie es ist, fremd zu sein in einer Kultur, in einer Sprache, ein Wanderer zwischen den Welten.“ Die Kraft dafür nehme er aus der Steyler Spiritualität: „Mission bedeutet, im Dialog zu sein mit anderen Menschen und Kulturen. Das ist unsere Identität als Ordensgemeinschaft.“
Pater Georges Mondo Makonzo beschrieb, wie der Austausch der Kulturen durch die Steyler Missionare viele Menschen in aller Welt geprägt hat und weiterhin prägt. „Früher hat Arnold Janssen Missionare ins Ausland geschickt. Heute kommen wir zurück.“ Fast 6000 Steyler sind heute in 80 Ländern der Welt tätig. „In meiner Heimatgemeinde waren weiße Missionare. Sie haben mein Leben so sehr geprägt. Deshalb habe ich mir gesagt: Ich werde Missionar, aber nicht in Afrika. Das ist mein Gefühl. Mein Traum ist jetzt Realität geworden. Und jeden Tag versuche ich, etwas zurückzugeben, etwas für andere Menschen zu tun.“
Dabei gelte es auch, Vorbehalte auszuhalten. „Ich erlebe das fast jeden Tag; es kommen Fragen wie ‚Sind sie überhaupt Priester?‘ oder ‚Sprechen sie überhaupt Deutsch?‘“ Als eine ältere Frau ihn das fragte, „habe ich einfach langsam und laut geantwortet: ‚Ja. Ich spreche Deutsch.‘“ Pfarrerin Rahel Schaller wirft ein: „Ich war in den USA Weiße unter Weißen. In Goch fallen Georges oder eine Frau mit Kopftuch stärker auf.“ Elvira Neuendank bestätigte: Ihre Migrationsgeschichte sei nicht sichtbar, „wohingegen schwarze Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, sich ständig erklären sollen.“

Auch das Publikum brachte viele Perspektiven auf Zuwanderung und Fremdsein in die Diskussion ein – und wie sich der Zusammenhalt in einer Stadtgesellschaft herstellen und stärken lässt. Besonders die älteren Gäste, die selbst in ihren Familien nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertreibung und den Neuanfang als „Ungeliebte und Unerwünschte“ erleben mussten, äußerten Verständnis für die Situation heutiger Migranten. Andere erinnerten sich an die Zeit, als die ersten sogenannten „Gastarbeiter“ in Goch heimisch wurden. Ob sie in der Stadtgesellschaft unsichtbar blieben oder am öffentlichen Leben teilnahmen, lag auch stark daran, ob sie Zugang zum Vereinsleben fanden.
Eine Frau aus dem Publikum berichtete darüber, wie die Stadtbibliothek in Emmerich erfolgreich zu einem Begegnungsort wurde, an dem sich Zugewanderte aktiv einbringen können. „Plötzlich kommen dann solche Gespräche, wenn eine Frau aus Afghanistan für uns ein Gedicht auf Deutsch geschrieben hat. Manchmal muss man wirklich weinen, weil es so schöne Momente sind.“
Monika Riße, die in Goch im Bereich interkulturelle Bildung arbeitet, berichtete von einem jungen Zuwanderer, der sich bei der Feuerwehr engagieren wollte. Letztlich scheiterte dies nicht an den Sprachkenntnissen, sondern an der fehlenden deutschen Staatsangehörigkeit. „Was können wir anbieten? Wo können wir einladen? Und wo können wir Hürden abbauen?“, fragte Riße. „Wir leben in der Blase. Wir machen zu. Und wir bemerken gar nicht, dass jemand nicht reinkommt.“
Kulturdezernent Dr. Stefan Mann stellte die Frage: Was ist eigentlich Integration? Seine Antwort lautete: „Integration fängt in dem Moment an, wo wir im Geschäft oder auf dem Marktplatz den Menschen in die Augen sehen und ihnen einfach mal Guten Tag sagen. Wir müssen aufhören, das Thema ständig auf den Staat abzuschieben. Wir sind es, die dafür verantwortlich sind.“
„Das ist die Grundhaltung, die wir brauchen: Erstmal den Menschen sehen. Natürlich gibt es unter diesen Menschen welche, die ich mag, und welche, die ich anstrengend finde ... wie überall“, eröffnete Pfarrerin Rahel Schaller die Schlussrunde. VHS-Leiterin Dr. Elvira Neuendank hob das Aufeinander-Zugehen hervor: „Ich glaube, es kommt darauf an, Integration als einen Prozess für beide Seiten zu sehen und diesen Dialog zu leben.“
Pater Georges Mondo Makonzo schlug schließlich den Bogen zurück zum Oberthema des Abends: „Zuwanderung und Zusammenhalt – da gibt es keinen abgeschlossenen Zustand. Es ist ein Prozess. Wir können von Arnold Janssen lernen, den Mut zu haben, auf andere Menschen zuzugehen, ohne Druck und ohne Angst vor dem Fremden.“
Text und Bilder: Sebastian Quillmann