1700 Jahre Glaubensbekenntnis von Nizäa: Was glauben wir?

Deutschland

19. Jun 2025

Eine Umfrage und zwei Gesprächsabende der Akademie Völker und Kulturen befassten sich mit dieser Frage. Der Anlass: das Jubiläum „1700 Jahre Konzil von Nizäa“. Damals wurde ein Credo formuliert, das wir bis heute beten.

1700 Jahre Glaubensbekenntnis von Nizäa: Was glauben wir?

Das Konzil von Nizäa jährt sich am 19. Juni 2025 zum 1700. Mal. Im Jahr 325 wurde dort (heute Iznik in der Türkei) ein christliches Bekenntnis zum Glauben aufgeschrieben. Dieses wurde 56 Jahre später auf dem Konzil von Konstantinopel ergänzt. Die so entstandene Fassung gilt heute in den meisten christlichen Kirchen als verbindlich (siehe Gotteslob 586,2).

Wie sieht es 1700 Jahre später im Jahr 2025 aus? Was bedeutet uns dieser alte Text, den wir immer noch bekennen? Wie verstehen wir, was da gesagt wird, zum Beispiel „Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren“?

Christian Tauchner SVD führt am ersten Gesprächsabend ins Thema ein.
Christian Tauchner SVD führt am ersten Gesprächsabend ins Thema ein.

Umfrage als Einstieg in den Dialog

Zum Auftakt gab es eine Umfrage in mehreren Kirchen, etwa im Missionspriesterseminar Sankt Augustin. Dort wurden die Glaubensbekenntnisse von Nizäa und Konstantinopel nebeneinandergestellt – allerdings in einer Übersetzung, die näher am griechischen Original ist (nach Denzinger/Hünermann DH 125; 150), also nicht in der liturgischen Fassung. Die Teilnehmenden konnten im Fragebogen ankreuzen oder einreißen, welche Aussagen sie teilen – und welche sie schwierig finden.

Beim ersten Gesprächsabend zum Thema am 22. Mai stellte Christian Tauchner SVD die Ergebnisse der Umfrage vor: Von 14 eingegangenen Fragebögen hatten 6 Teilnehmende für alle Glaubensaussagen „glaube ich“ angekreuzt. Zwei Teilnehmende hatten hierzu jedoch Bedingungen formuliert: „Zeugnis und Interpretation christlich menschlicher Gotteserfahrung: unvollendet und offen für Neuinterpretation“, hatte einer vermerkt. Ein anderer ergänzte, an einen „Schöpfer im Sinne der Evolutionstheologie“ zu glauben – also im Sinne einer Theologie, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse zur Evolution anerkennt.

Als „problematisch“ haben Teilnehmende folgende Aussagen des Credos gekennzeichnet: eine heilige katholische und apostolische Kirche [3], Wiederkunft in Herrlichkeit [2], Auferstehung der Toten [1], Jesus Christus, Einziggeborener [1], geboren von der Jungfrau [1].

Christian Tauchner SVD: „In Nizäa ging es darum: Wer ist Jesus Christus?“
Christian Tauchner SVD: „In Nizäa ging es darum: Wer ist Jesus Christus?“

„Ein gemeinsamer Tanzboden“

Neben den Ergebnissen der Umfrage stellte Christian Tauchner in einem kurzen Abriss auch die historischen Hintergründe des von Kaiser Konstantin einberufenen Konzils von Nizäa dar. Nachdem sich Konstantin im Jahr 324 als alleiniger Herrscher im Römischen Reich durchgesetzt hatte, wollte er auch die Einheit des Christentums in zentralen Fragen mit seiner Herrschaft verbinden. Diese Streitfragen bestanden insbesondere in der Frage der Natur Jesu und seiner Stellung gegenüber Gottvater und dem Heiligen Geist – in Abgrenzung von den Lehren des Arius, der eine Wesensgleichheit von Vater und Sohn als Abweichung vom Glauben an den einen Gott betrachtete.

Einer der Teilnehmer nahm den historischen Abriss zum Anlass der Kritik: „Jesus hat die Liebe gepredigt. Alles andere waren Streitigkeiten mächtiger Männer; die erfinden dann so etwas wie die Jungfräulichkeit Mariens. Dabei ist alles, wonach wir uns richten sollten, die Nächstenliebe.“ Christian Tauchner hielt dem entgegen: „In Nizäa ging es darum: Wer ist Jesus Christus? Menschen haben sich damit auseinandergesetzt, mit ihren sprachlichen Begriffsmöglichkeiten, um zu einer Formulierung zu kommen: So verstehen wir unseren Glauben – heute.“ Tauchner fügte hinzu, das Credo von Nizäa sei als „ein gemeinsames System, ein gemeinsamer Tanzboden und Hilfe für das christliche Leben“ zu verstehen.

Gerade diesen gemeinsamen Tanzboden zu finden – oder eben auch nicht – wurde zum Kern des ersten Gesprächsabends. Die Diskussion entfernte sich immer weiter von einer Auseinandersetzung mit dem Credo hin zu Grundsatzfragen: Wie lassen sich biblische Texte heute lesen und verstehen? Sind Wissenschaft und Schöpferglaube vereinbar?

Etwa am Begriff des Mythos zeigten sich die widersprüchlichen Standpunkte. „Mythen sind Texte, die wesentliche Wahrheiten transportieren“, sagte Christian Tauchner zum Beispiel mit Blick auf die biblischen Schöpfungsberichte. „Mythische Erzählung, das heißt heute ‚Narrativ‘ – und damit ‚Quatsch‘. Das ist herabwürdigend für alle, die in der Bibel Gottes Wort sehen“, lautete eine Entgegnung.

Pater Anton Weber im Gespräch mit den Teilnehmenden am zweiten Gesprächsabend.
Pater Anton Weber im Gespräch mit den Teilnehmenden am zweiten Gesprächsabend.

Sprechen über Glaubenserfahrung

Am Ende des ersten Abends wurde eine gemeinsame Basis gefunden, wie sich fruchtbar und wertschätzend miteinander über das Credo sprechen lässt: indem Teilnehmende über eigene Glaubenserfahrungen berichten und diese in Verbindung bringen mit ihrem Verständnis der Glaubensbekenntnisse. Diesen Faden nahm Christian Tauchner SVD zu Beginn des zweiten Gesprächsabends am 5. Juni wieder auf. Er verwies die Beteiligten auf den Petrusbrief: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt, aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.“ (1 Petr. 3,15-16)

Sie nahmen zum Beispiel den Satz aus dem Lukas-Evangelium „Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52) zum Anlass, über ihr eigenes Wachstum im Glauben zu sprechen. Aber wie passt das prozesshafte Menschliche zur Göttlichkeit Jesu? „Er hat zugleich als Kind schon gewusst, dass er Gottes Sohn war“, wirft eine Teilnehmerin ein und zitiert: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ (Lk 2,52)

Christian Tauchner bot eine Erläuterung an: „Weil ich wissen kann, wie Jesus als Mensch war, erkenne ich etwas darüber, wie Gott ist. Wir schließen leider oft umgekehrt: Weil wir denken, wir wüssten, wie Gott ist, muss Jesus auch so sein.“

Bruder Gregor Weimar (Mitte): „Dass 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt das Gleiche beten, ist ein Wert.“
Bruder Gregor Weimar (Mitte): „Dass 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt das Gleiche beten, ist ein Wert.“

Das Credo als Verbindung im Glauben

Was heißt „er kommt in Herrlichkeit“? Das war eine der weiteren Fragen, um die sich das Gespräch drehte. Pater Anton Weber warf dazu ein: „Wir sind an Vorstellungen gebunden, aber im Glauben muss man sich ein Stück weit davon freimachen: Herrlichkeit beschreibt eine Eigenschaft Gottes, die sich eigentlich nicht beschreiben lässt. Sobald man in die Vorstellung kommt, ist es begrenzt und nicht mehr echt.“

Bruder Gregor Weimar fasste die Spannung in Worte, die sich im Gespräch über das Glaubensbekenntnis ergab: „Das Festgeschriebene und der Akt des gemeinsamen Sprechens machen uns zu einer Gemeinschaft. Klar, dass wir nicht immer alles verstehen. Aber dass 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt das Gleiche beten, ist ein Wert. Und solange es eine mystische, bildhafte Sprache ist, haben wir immer einen Grund, uns damit auseinanderzusetzen.“

Diese Gedanken griff auch Christian Tauchner auf. Sein Blick richtete sich dabei weniger auf die diskussionsfreudigen Teilnehmenden. „Mich beschäftigt, was es heißt, wenn 6 von 14 Menschen rückmelden ‚Wir glauben das alles. Punkt.‘ Wenn schon bei vielen, die noch in die Kirche gehen, der Wunsch nicht mehr da ist, sich mit ihrem Glauben auseinanderzusetzen, sehe ich darin keine gute Tendenz. Gerade die Modernität unserer Zeit würde eine kritische Aufarbeitung alter Glaubensformulieren gut brauchen können.“

Titelfoto: Maciej Malicki SVD

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