Deutschland
08. Sep 2025
„Pilger der Hoffnung“ sein im Heiligen Jahr und „Zeugnis ablegen für das Licht“ zum Jubiläum 150 Jahre Steyler Missionare: Beides gehört zusammen, sagte Vizeprovinzial Pater Konrad Liebscher an unserem 150. Gründungstag in Steyl.
Liebe Schwestern und Brüder!
Mit dem heutigen Tag schließt unser Jubiläumsjahr 150 Jahre Steyler Missionare. Es war wieder ein besonderes Jahr. Ich finde es wunderbar, dass unsere Jubiläumsjahre immer mit einem Heiligen Jahr zusammenfallen. Aber da kommt bei mir sofort die Frage auf: „Kann ein Jahr eigentlich heilig sein?“ Ein Jahr ist doch nur die Bezeichnung einer Zeitspanne von der Umlaufbahn der Erde um die Sonne. Interessanterweise kennen wir auch die Heilige Schrift, heilige Öle, heilige Pforte, heilige Messe und etliches mehr.
Dabei steht doch in der Bibel: Gott allein ist heilig (vgl. 1Sam 2,2 oder Offb 15,4). Allerdings sind wir Menschen als Kinder Gottes auch aufgerufen, heilig zu sein bzw. zu werden (vgl. Lev 11,45 und 1Thess 4,7). Die Dinge, die wir heilig nennen, wie Jahr, Messe, Schrift, haben einen besonderen Zweck: Sie sollen Menschen zur Heiligkeit zu führen.
Das heilige Jahr ist somit eine Einladung zum Ziel der Heiligkeit hin. Das Motto des diesjährigen Heiligen Jahres „Pilger der Hoffnung“ zeigt uns noch einmal eine besondere Eigenschaft auf, die wir auf dem Weg der Heiligkeit mitbringen bzw. aufbauen sollen: Hoffnung.
Unser Steyler Jubiläumsjahr steht auch unter einem Motto: „Zeugnis ablegen für das Licht.“ Es ist schön, dass das Jahr 2025 eine ganz besondere Deutung erfährt, vor allem wenn wir das Motto des Heiligen Jahres „Pilger der Hoffnung“ sein und „Zeugnis ablegen für das Licht“ übereinander legen.

Im Prolog des Johannes-Evangeliums, das uns Steylern sehr wichtig ist, lernen wir Jesus Christus als das Fleisch gewordene Wort Gottes kennen. Über dieses Wort erfahren wir: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,4) Hoffnung hat denselben Grund wie das Licht: „Denn du bist meine Hoffnung, Herr und Gott, meine Zuversicht von Jugend auf.“ (Ps 71,5), so bekennt der Psalmist in Psalm 71.
Als Zeuge dieses Lichtes tritt Johannes der Täufer auf: „Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.“ (Joh 1,6-7) Das Licht des Glaubens geht also von Christus aus, und es bedient sich menschlicher Zeugen, die es vor sich hertragen, es hochhalten, es anderen weitergeben – und zwar in Hoffnung und Freude. Deshalb kann Paulus schreiben: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes.“ (Röm 15,13)
Wie Johannes, so sollen wir alle Zeugen des Lichtes sein. Unser Licht soll vor den Menschen leuchten, damit sie unsere guten Taten sehen und den Vater im Himmel preisen. (vgl. Mt 5, 15-16) Wir sollen die Liebe Gottes sichtbar leben und erlebbar machen.
Wie unser Generalsuperior, Pater Anselmo Ricardo Ribeiro, im Festgottesdienst hier in Steyl am 8. September (heute vor einem Jahr) sagte: „Wir alle, die ganze Steyler Familie aus Brüdern, Schwestern, Freunden, Partnern, und Wohltätern sollen uns vom Heiligen Geist leiten lassen. Genau wie im Leben von Maria, Arnold und seiner Gefährten und so vieler Missionare und Missionarinnen, die uns vorausgegangen sind, sind wir aufgerufen, Werkzeuge eines Werkes Gottes zu sein.“

Vor 150 Jahren, am 8. September 1875, gründete Arnold Janssen mit seinen Gefährten in Steyl die Gesellschaft des Göttlichen Wortes. Aus miserablen Anfängen erwuchs eine große missionarische Bewegung im deutschsprachigen Raum und weltweit. Wir könnten jetzt die Erfolge würdigen, doch der Glanz der Vergangenheit ist längs verblasst. Ein Blick in die Gegenwart ist alles andere als rosig.
Ordensnachwuchs in Deutschland haben wir – mit Ausnahme zweier chinesischer Mitbrüder – schon lange nicht. Die Auflagezahlen unserer traditionellen Familienzeitschrift „Stadt Gottes“ bzw. „Leben jetzt“ gehen seit Jahren zurück. Die Spenden unserer Wohltäter sind von Jahr zu Jahr rückläufig. Was nun?
Wenn wir Steyler Missionare uns fragen: Wo können wir Licht sein? Wo können wir Hoffnung verbreiten? Wo haben wir unsere Stärken? Dann glauben wir, dass es unsere gelebte Interkulturalität ist. Anderen Menschen offen zu begegnen, verstehen zu wollen, woher sie kommen, wo sie stehen, was sie mitbringen – ihre Werte, Gedanken und Gefühle – das ist eine wichtige Haltung und Fähigkeit gerade in der heutigen Zeit. Das gilt vor allem, wenn man sein Leben der Berufung verschrieben hat, die Liebe Gottes sichtbar zu machen und erkennbar nach seinem Wort zu leben.
Als eine missionarische Ordensgemeinschaft üben wir Steyler dieses Zugehen, Zuhören und Eingehen auf Menschen verschiedener kultureller Hintergründe als Teil unserer Berufung ständig ein – und das beginnt bereits beim Umgang untereinander. In jedem Land, in wir Steyler arbeiten, wird unter den Mitbrüdern die entsprechende Landessprache gesprochen. Wenn sich zum Beispiel zwei Mitbrüder aus Indonesien in Angola treffen, sprechen sie nicht ihre heimische Sprache Bahasa-Indonesisch, sondern Portugiesisch - aus Respekt vor den Menschen ringsum; sie sollen sich nicht ausgegrenzt fühlen. Interkulturalität sucht nach den Gemeinsamkeiten, erkennt und benennt aber auch Unterschiede und arbeitet daran, diskriminierende Einstellungen zu überwinden.

Unser Ordensgründer Arnold Janssen legte deshalb von Anfang an Wert auf das Stufenkonzept der Missionierung: Erst hören, dann lehren bzw. helfen, dann taufen. Wie wichtig es ist, am Anfang nur zuzuhören, durfte ich selbst in meinem Missionseinsatz in Angola erfahren.
Ich kann mich noch gut erinnern: Am Tag meiner Ankunft auf der mir zugewiesenen Missionsstation Tomboko kamen viele aus der Gemeinde, um mich zu begrüßen. Unter anderen auch ein Messdiener, der mir erzählte, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte. Er war mit seinem Onkel geflogen. Er schilderte sehr anschaulich, wie er auf eine Art Teppich gestiegen sei und in die Luft erhoben wurde. Von oben zeigte sein Onkel ihm die verschiedenen Häuser, wer wo wohnt und auch den Weg, den er nutzt, wenn er auf Jagd geht.
Als ich dem Jungen nach seiner Erzählung sagte, dass sei ja ein spannender Traum gewesen, empörte er sich und sagte: Nein, das war kein Traum, ich bin wirklich mit meinem Onkel geflogen. Da erinnerte mich an das Stufensystem von Arnold: Erst einmal nur Hören. Ohne Kommentar, ohne Einordnung in meine deutschen Denk- und Erfahrungsmuster.

Als Zeugen des Glaubenslichtes sind wir zugleich Pilger der Hoffnung in einer Welt, die es uns Menschen nicht immer leicht macht. Aber wir bekommen diese Hoffnung von Gott geschenkt. Wir dürfen sie annehmen und teilen.
Meine Erfahrung in Afrika: Die Menschen können gut einschätzen mit welcher Einstellung fremde Menschen zu ihnen kommen: Ist es kaufmännisches Interesse, ist es politisches-ideologisches Interesse, oder ist es Interesse am anderen Menschen und an dessen Heil? Die Missionare, die in Bürgerkriegszeiten in Angola geblieben sind und mit den Menschen dort die schwierigen Zeiten durchgestanden haben – sie wurden als Zeichen der Hoffnung gesehen. Wir Missionare brauchten nicht groß Gottes Liebe zu künden; allein unsere Anwesenheit wurde als Hoffnungszeichen, als Zeichen der Liebe Gottes gewertet.
Um es zusammenzufassen: Wir dürfen und sollen als Pilger der Hoffnung den liebevollen Blick der Zuversicht zeigen. So bezeugen wir das Licht, das der Herr selbst ist, und so lassen wir Hoffnung entstehen bei denen, die sich augenblicklich in Dunkelheit wähnen.
Und so kann das Gebet unseres Stifters wahr werden:
„Vor dem Lichte des Wortes und dem Geiste der Gnade weiche die Finsternis der Sünde und die Nacht des Unglaubens: Und das Herz Jesu lebe in den Herzen aller Menschen. Amen.“