Verschwörungstheorie und kritisches Denken

30. Jun 2020

In Bezug auf schockierende Ereignisse neigen wir gewöhnlich dazu, nach kausalen Erklärungen zu verlangen. Vielfältige Verschwörungstheorien kursieren zur Covid-19-Pandemie.

Verschwörungstheorien

Die von den USA geführte Anti-China-Lage hat den Verdacht, dass Covid-19 aus dem chinesischen Bio-Labor in Wuhan stammt. Ihn widerlegen mehrere Faktenstudien, indem sie das Coronavirus in den Kontext des natürlichen Evolutionsprozesses stellen, der aus dem Prinzip von Mutation und Selektion resultiert.

Die pro-chinesische Linie propagiert Covid-19 als biologische Waffe der USA, in deren Absicht, die Tendenz der globalen wirtschaftlichen Hegemonie Chinas zu brechen. Der Iran stimmt den klassischen Refrain des Antisemitismus wieder an. Israel stehe hinter der Corona-Krise (Zionist Lobby). Viele Portale von Sozialmedien verbinden das Coronavirus mit einem bestialischen Trick, die menschliche Population aus ökonomischen Gründen zu reduzieren. Auch die Pharmaindustrie bleibt als Architekt des Coronavirus für die Impfstoffvermarktung nicht von Vorwürfen verschont.

In den Niederlanden und im Vereinigten Königreich entsteht die Behauptung, dass die Strahlung der 5-G-Funktechnik die rasante Verbreitung des Coronavirus verursacht. In der Folge an dieser Annahme gab es Brandschläge auf diese Mobilfunkmasten.

Verschwörungstheorien sind im Laufe der Geschichte stets im Umlauf. Es wird behauptet, dass die Landung von Apollo 11 auf dem Mond nicht mehr als eine Verfilmung in der Wüste gewesen sei. Als die Pest in Europa ausbrach, wurde sofort ein Sündenbock gesucht. Rasant konstruierte man Feindbilder. Den Juden wurde dann unterstellt, die Brunnen vergiftet zu haben. Dieser Vorwurf legitimierte die spätere Welle der Judenverfolgung. Der Angriff auf die Zwillingstürme des World Trade Centers wird als Inside-job der Bush-Regierung angesehen. Der Afghanistan-Krieg beruht auf dem Verdacht der Zusammenarbeit zwischen den Talibanmilizen und dem Al-Qaida-Terrornetzwerk.

Viele bezweifeln die offizielle Erklärung für einen Fall. Alle vernünftigen Maßnahmen werden in Frage gestellt. Dieses Misstrauen kann sich zu einem Glauben an einer Verschwörung steigern. Die Verschwörungstheoretiker nutzen diese Gelegenheit inmitten dieses Zweifels. Sie präsentieren ihre alternative Darstellung, die relativ schlicht und verlockend ist. Das Diktum des Ockhams Rasiermessers wird eingesetzt. Die einfachste Erklärung wird genommen. Weil sich Covid-19 erstmals auf dem Tiermarkt in Wuhan verbreitete, wird es als made in China gekennzeichnet. Donald Trump sprach sogar vom China-Virus. In Anlehnung an eine fragwürdige Quelle wird das Statement von Bill Gates zitiert. Er habe angeblich gesagt, dass Impfungen der beste Weg sei, um die Bevölkerung zu reduzieren. Gates wird dann beschuldigt, für die Verbreitung von Covid-19 verantwortlich zu sein.

Diese Storytelling-Modell wird schnell begrüßt und angeeignet. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, der hat den Verdacht, dass es eine Handvolle Leute, sogar außerirdische Wesen gibt, die kriminelle Taten heimlich planen. Dieser unmoralische Plan ist so raffiniert kalkuliert, dass er dem Protagonisten zugutekommen und gleichzeitig Menschen und Natur schaden wird. Sofort wird dann die Grenzlinie gezogen zwischen „Freund und Feind, Gut und Böse, wir und andere“.

Warum ist die Verschwörungstheorie so sehr beliebt, attraktiv und immer gefragt, obwohl sie aus erkenntnistheoretischer Sicht oberflächlich ist? Die Konsumenten von Verschwörungstheorien sind nicht nur Menschen, die noch mystisch und esoterisch denken. Diejenigen, die in Gesellschaften mit hohem Bildungsniveau und moderner Zivilisation leben, entgehen nicht automatisch der Falle der Verschwörungstheorien.

Die erste Antwort auf die Popularität von Verschwörungstheorien könnte das Phänomen der psychischen Störung sein. Paranoide weisen allerdings unterschiedliche Stufen auf. In seiner Untersuchung fand der Psychologe Robert Brotherton von der Londoner Universität einen Zusammenhang zwischen pathologischer Persönlichkeit und dem Glauben an Verschwörungstheorien.

Die zweite Erklärung bezieht sich auf die Tatsache der menschlichen Irrationalität, obwohl der Mensch als vernunftbegabtes Lebewesen definiert ist. Der gesunde Ablauf der Menschheitsgeschichte ist vom Fortschreiten des Intellekts geprägt. Stets versuchen Menschen mit ihrer Vernunftkompetenz, Probleme genau und vernünftig zu verfolgen und zu beheben. Leider kann sich diese Fähigkeit der Vernunft auch regressiv bewegen. Menschen werden leicht beeinflusst von Gerüchten, fake news, Verschwörungstheorien und Ansichten, die eng, pervers und dumm sind.

Glaube an Verschwörungstheorien ist prinzipiell menschlich. Menschen sind in der Tat anfällig für Irrationalität und Gerüchte. Gerüchte werden von uns geglaubt, weil wir u.a. zu faul sind, zu denken. Unser menschlicher Aspekt ist trotzdem nicht dort beschränkt. Kritisches Denken gehört zu unseren menschlichen Fähigkeiten. Formale und informelle Bildung zielt darauf ab, unser kritisches Denken zu schärfen. Erziehung wäre Adorno zufolge sinnvoll überhaupt nur als eine Erziehung zu kritischer Selbstreflexion. Wenn man kritisch denkt, werden der Unfug und die Absurdität von Verschwörungstheorien schnell erkannt. 

Kritische Personen nehmen eine allgemein offizielle Erklärung (common explanation) zu einem Fall nicht zu schnell an. Was allgemein akzeptiert wird, muss nicht immer wahr sein. Wir sind nicht verpflichtet, der allgemein offiziellen Erklärung Glauben zu schenken. Jede Erklärung, die dem Mainstream widerspricht, bedeutet jedoch nicht automatisch eine Verschwörungstheorie.

Menschen, die kritisch denken, werden skeptisch sein und alle eingegangenen Informationen in Frage stellen, anstatt alles zu schlucken. Sie werden prüfen und erneut prüfen (check and re-check), um sich gültigen Argumenten und Fakten zu nähern. Im Sinne Hannah Arendts ist kritisches Denken nur möglich, wo die Standpunkte aller anderen sich überprüfen lassen. Mit einem kritischen Messer kann unterschieden werden zwischen Fiktion und Fakten, Meinungen und Berichten, Lügen und Wahrheiten.

Kritisch sein bedeutet unterscheiden können. Verschwörungstheorien vermischen Fakten mit erfundenen Behauptungen. Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, achten nicht darauf, die Informationsquellen in ihrer Qualität zu differenzieren. Für sie sind Informationen von Sozialmedien wertvoller als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen. Die Covid-19-Krise könnte eine Gelegenheit sein, unser Vertrauen in die Wissenschaft erneut zu stärken und unser Differenzierungsvermögen zu fördern.

Pater Fidelis

Pater Fidelis Regi Waton SVD

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