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Wie das Böse die Ernte erstickt

Sie waren guter Absicht, haben sich als Priester und Ordensleute für Jesu Nachfolge entschieden, aber dann wurde ihr Leben vom Giftpilz sexualisierter Gewalt befallen. Ein Phänomen, vor dem schon die Apostel warnten.

 

Kornfeldblumen
Wie kann es sein, dass sich das Böse so tief in christliche Gemeinschaften einschleicht, sogar unter jene, die sich eine Lebensform in enger Nachfolge Jesu gewählt haben – die Ordensleute? Sind sie Analphabeten? Verstehen sie denn nicht, was sie in der Heiligen Schrift lesen? „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde“ (Mk 9,42). Ich habe meine Gymnasialzeit in klösterlichen Internaten verbracht. Nie habe ich etwas von sexualisierter Gewalt zu spüren bekommen. Das Leben war manchmal hart: das frühe Aufstehen, das oft appetitverderbende Essen, die Einordnung in das Zusammenleben so vieler, die abstrakten mathematischen Formeln und die so fremden griechischen Vokabeln, die oft ungerecht empfundenen Schulnoten … Aber an unsere Sportfeste, an die Konzerte mit Chor und Orchester, an die Theateraufführungen erinnere ich mich noch lebhaft und gerne. In den langen Phasen der Einstudierung und des Übens wurden uns Welten erschlossen. Wir durften erfahren, was an ungeahnten Möglichkeiten in uns steckt, was wir uns zutrauen durften. Unsere Lehrer und Erzieher, meist Ordenspriester, haben uns über den Lernstoff der Lehrpläne hinaus gefördert. Meine Erinnerung ist voller Dankbarkeit. Wie kann es sein, dass sich der Giftpilz sexualisierter Gewalt damals schon in diese die Jugend fördernde Welt eingeschlichen hat, der heute als vernichtendes Geflecht unter der Rinde zutage tritt? Es ist unfassbar, zum Verzweifeln! Dieses Verzweifeln über das Böse in unserer Mitte kannten auch die frühchristlichen Gemeinden. Da kamen doch Menschen guten Willens zusammen, bei denen das Wort Gottes auf guten Boden gefallen war. Sie hatten mit ihrem früheren Leben Schluss gemacht, hatten in der Taufe feierlich beteuert – dreimal, was der Unterschrift unter ein wichtiges Dokument gleichkommt –, dem Bösen und seinen Verlockungen zu widerstehen und dem Weg Jesu zu folgen. Und doch kam immer wieder das Böse auch in seinen verwerflichsten Formen hervor. Die Lasterkataloge in den Apostelbriefen deuten düstere Szenarien an: Streit, Betrügereien, sexuelle Abartigkeiten. Es war zum Verzweifeln. Das drückt sich in der Frage der Jünger an Jesus aus: Wie ist denn das mit dem Gleichnis von der Saat? Auf gutem Boden gibt es Fehlentwicklungen aller Art. Die Evangelisten legen Jesus eine kohlrabenschwarze Unheilsprophezeiung in den Mund: Über das heimtückisch Böse muss Gottes Zorn nach menschlichen Vorstellungen so entbrennen, dass sie sehen sollen, aber nicht erkennen, hören, aber nicht verstehen, und dass sie sich nicht bekehren und nicht gerettet werden (Mk 4,12). Es handelt sich um ein Zitat des Propheten Jesaja, eine Warnung an das verdorbene Verhalten des Volkes Gottes. Ein Bild kriegerischer Verwüstung malt die verheerenden Folgen aus (Jes 6,9f).

 

DAS STEHT IM EVANGELIUM

 

Das ist der Sinn des Gleichnisses: Der Samen ist das Wort Gottes. Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, denen es aber der Teufel dann aus dem Herzen reißt, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig. Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, dann aber weggehen und in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens ersticken, deren Frucht also nicht reift. Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und durch ihre Ausdauer Frucht bringen. Lk 8,11–15

 

Unter dem Druck der verzweifelten Situation erfährt das Gleichnis eine Wandlung, erhält einen anderen Akzent. Aus der zuversichtlichen Verkündigung der sieghaften Kraft des Evangeliums gegen alle Widerstände und Misserfolge wird ein auslegendes Bild (Allegorie), das Zug um Zug die verführerische Macht des Bösen über die Herzen der Menschen veranschaulicht (siehe Kasten). Die natürliche, nicht böse Futtersuche der Vögel wird zum teuflischen Machwerk, das den Samenkörnern, dem Wort Gottes, jegliche Möglichkeit nimmt, auch nur Wurzeln zu schlagen. Man könnte an die Oberflächlichkeit der Konsumwelt denken, die träge macht und lustlos und verblöden lässt. Das schnelle Aufsprießen in der seichten sonnengewärmten Steinmulde nach dem Tau in der Frühe ähnelt der Trendreligiosität: Etwa wenn der Papst zum Jugendtag kommt – welche Begeisterung, welcher Aufwand. Ein Jahr später: War da was? Kirchlich heiraten – au ja! Ist viel romantischer und feierlicher, aber Treue? Mal sehen, wie lange die Gefühle harmonieren! Erstkommunion und Firmung – unser Kind soll da keine Nachteile haben. Aber dann reicht das auch mit dem Zur-Kirche-Gehen. Gottes Gebote sind lästig und ja wohl nicht mehr zeitgemäß. Klar, dass der Glaube verdorrt. Wer etwas werden will, muss etwas haben, sich etwas leisten können. Der muss sich ins Gestrüpp des mörderischen Wettbewerbs begeben. Für Religion ist da einfach keine Zeit mehr. Das Leben wird ein Kampf und ein Krampf. Das Hören auf die feinen Töne des Lebendigen stumpft ab, die Liebe stirbt. Der Durst nach dem reinen Quellwasser aus der Tiefe versiegt. Die Hetze auf dem Karrieretrip lässt nicht zum Durchatmen kommen. Die Seele erstickt, der Atem Gottes erreicht ihr Leben nicht mehr. Wenn dann noch in der Kirche, die ihren oft unbequemen Dienst der Verkündigung tut, Streitereien ausbrechen und Skandale aufgedeckt werden, kehren ihr viele den Rücken – heute wie damals. Im Evangelium des Lukas spürt man noch am deutlichsten, in welcher Glaubensnot viele Gläubige der frühchristlichen Gemeinden waren. Sie spiegelt sich wider in der bildhaften Ausdeutung von der Saat, die nichts bringt, und von der Saat, die endlich doch reichlich aufgeht. Lukas widmet sein Evangelium seinem Freund Theophilos, der für viele Christen steht, die verunsichert und frustriert sind. Kann man denn der Kirche und ihrer Überlieferung überhaupt trauen? Was ist da nicht alles schiefgelaufen und verfälscht worden! Lukas macht sich daran, „allem von Anfang auf sorgfältige Weise nachzugehen“, dass sich der Freund „von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen“ kann (Lk 1,3–4). Lukas will die Christen in der Glaubenskrise stärken und ermutigen. Darum betont er, dass das Fruchtbringen nicht zu „machen“ ist. Es ergibt sich, das heißt, Gott gewährt Fruchtbarkeit, wenn man in Treue und Geduld auf dem Weg bleibt, den das Wort Gottes weist. „Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und durch ihre Ausdauer Frucht bringen“ (Lk 8,15).

 

Unser Autor, der Steyler Pater Gerd Birk, ist Professor (emeritiert) für Religionspädagogik. Bis zum Sommer 2003 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Katholischen Religionspädagogischen Zentrum in Bayern.






© Gerd Birk SVD aus: Stadt Gottes Juli 2010 Seite 14