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Wir sind ein Überbleibsel der Sonne
Der Student Sebastian Voltmer ist erst 26 und schon einer der bedeutendsten Astrofotografen. Die Gedanken, die er sich über Mensch, All und Gott macht, sind mindestens so erstaunlich wie seine Bilder
Sein Lieblingsobjekt ist der Trifid-Nebel / M20, eine galaktische Gas- und Staubwolke. „Ein rötlicher Nebel aus Wasserstoffgas und blauen Staubwolken“, erklärt Sebastian Voltmer. Wasserstoffgas wird zum Leuchten angeregt und sendet rotes Licht aus, verursacht durch die Ultraviolett-Strahlung der jungen blauen Sterne, die in dem Nebel entstanden sind. Früher war es eine dunkle Wolke. Wenn aus ihr Sterne entstehen, beginnen diese Wolken zu leuchten. Da sind rote Gas- und blaue Staubwolken.“ Und dann gerät er ins Schwärmen und die Augen leuchten: „Das ist ein wunderbarer Farbkontrast.“ Eine ferne „Geliebte“, wenn man es so nennen darf, mit einem Feldstecher oder ßen, die schon mehrfach im Radio gesendet wurden. Zweifellos ein Ausnahmetalent. Freude an den Sternen hat er schon als Kind gehabt. „Nachtwanderungen mit meinen Eltern in den Alpen – das war schon was ganz Besonderes“, erinnert er sich. Aber als 1994 die Bruchstücke des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter stürzten, da schlug die Freude in Begeisterung um: „Das musste ich mir unbedingt ansehen.“ Seine Eltern kauften ein kleines Teleskop, mit dem er mit wachsender Faszination beobachtete, wie die Trümmer des Kometen auf Jupiter einschlugen und erdballgroße Einschlagstellen hinterließen. | |  | | Ein Ereignis, legt man astronomische Maßstäbe an, in allernächster Nähe zur Erde; gerade mal 42 Lichtminuten entfernt: Wenn das Licht pro Sekunde knapp 300 000 Kilometer zurücklegt, dann ist das eine Entfernung von 756 Millionen Kilometern. Zum Vergleich: Der Erdumfang beträgt etwa 40 000 Kilometer. Es sind auch diese Zeit- und Raum-Dimensionen, die Sebastian Voltmer so faszinieren: Denn 42 Lichtminuten bedeuten auch, dass das Ereignis, bevor es für uns sichtbar wird, schon eine Dreiviertelstunde zurückliegt. Man schaut also in die Vergangenheit. „Die Sonne“, sagt er, „ist acht Lichtminuten von uns entfernt, unsere nächste Galaxie, der Andromeda-Nebel, 1,5 Millionen Lichtjahre.“ Kann man mit bloßem Auge erkennen, sagt er: „Ein spindelförmiges diffuses Leuchten, wie ein nebliger Fleck, etwa zweimal größer als der Vollmond.“ Eine Galaxie quasi vor unserer Haustür. Denn das sichtbare Universum ist 13,5 Milliarden Lichtjahre groß. „Was nicht heißt“, sagt der Student, „dass dahinter nichts ist.“ Und spätestens hier bekommt das Thema eine philosophische Dimension. Ist es überhaupt vorstellbar, heute etwas zu sehen, das Milliarden Jahre in der Vergangeneinem Teleskop erreichbar: 5200 Lichtjahre entfernt. Unter den Astrofotografen gilt der 26-Jährige aus Spicheren bei Saarbrücken als der Shooting-Star: Seine Bilder von Mond- und Sonnenfinsternissen, Kometen, Planeten, Nebeln, Sternhaufen und Galaxien erscheinen in Astronomie-Zeitschriften, Kalendern, Büchern und sogar in einem amerikanischen Kinofilm. Mehrere Filme hat er selbst realisiert. Zwei davon waren im Bayerischen Fernsehen zu sehen. Den ersten drehte er mit 17: „Das Gesicht des Mondes.“ Den zweiten mit 19: „Sternschnuppen über China – Leoniden 2001.“ Eigens deshalb ist er nach China in die Mandschurei gereist. Damals fielen pro Stunde 3800 Sternschnuppen vom Himmel. Vor acht Jahren wurde er Landessieger und Bundespreisträger bei „Jugend forscht“. Thema: Astrofotografie als Methode zur Kometenentdeckung. Sebastian Voltmer studiert im 14. Semester. Nicht etwa Astronomie, sondern im Fachbereich Film und Fernsehen an der Kunsthochschule Kassel „Visuelle Kommunikation“. „Man kann ab dem 9. Semester seinen Abschluss machen“, sagt er. Aber er hat ein Stipendium in London bekommen, wo er Fine Art studierte, und in Wien Film und Fernsehen an der Uni für Musik und Darstellende Kunst. Nebenbei richtet er Observatorien ein, hält Vorträge, leitet Kurse, veranstaltet Ausstellungen, betreibt die Bildagentur www.weltraum.com. Und spielt jeden Tag ein bis zwei Stunden Klavier, wenn er nicht gerade Filme schneidet und die fotografischen Ergebnisse der letzten Nacht auswertet. Nachtgeräusche wie das Zirpen von Grillen oder den Ruf eines Kauzes lässt er in die Kompositionen seiner Filmmusik einflie- ßen, die schon mehrfach im Radio gesendet wurden. Zweifellos ein Ausnahmetalent. Freude an den Sternen hat er schon als Kind gehabt. „Nachtwanderungen mit meinen Eltern in den Alpen – das war schon was ganz Besonderes“, erinnert er sich. Aber als 1994 die Bruchstücke des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter stürzten, da schlug die Freude in Begeisterung um: „Das musste ich mir unbedingt ansehen.“ Seine Eltern kauften ein kleines Teleskop, mit dem er mit wachsender Faszination beobachtete, wie die Trümmer des Kometen auf Jupiter einschlugen und erdballgroße Einschlagstellen hinterließen. Ein Ereignis, legt man astronomische Maßstäbe an, in allernächster Nähe zur Erde; gerade mal 42 Lichtminuten entfernt: Wenn das Licht pro Sekunde knapp 300 000 Kilometer zurücklegt, dann ist das eine Entfernung von 756 Millionen Kilometern. Zum Vergleich: Der Erdumfang beträgt etwa 40 000 Kilometer. Es sind auch diese Zeit- und Raum-Dimensionen, die Sebastian Voltmer so faszinieren: Denn 42 Lichtminuten bedeuten auch, dass das Ereignis, bevor es für uns sichtbar wird, schon eine Dreiviertelstunde zurückliegt. Man schaut also in die Vergangenheit. „Die Sonne“, sagt er, „ist acht Lichtminuten von uns entfernt, unsere nächste Galaxie, der Andromeda-Nebel, 1,5 Millionen Lichtjahre.“ Kann man mit bloßem Auge erkennen, sagt er: „Ein spindelförmiges diffuses Leuchten, wie ein nebliger Fleck, etwa zweimal größer als der Vollmond.“ Eine Galaxie quasi vor unserer Haustür. Denn das sichtbare Universum ist 13,5 Milliarden Lichtjahre groß. „Was nicht heißt“, sagt der Student, „dass dahinter nichts ist.“ Und spätestens hier bekommt das Thema eine philosophische Dimension. Ist es überhaupt vorstellbar, heute etwas zu sehen, das Milliarden Jahre in der Vergangen- heit zurückliegt? Ist Unendlichkeit begreifbar? Sebas - tian Voltmer: „Unendlichkeit kann ich mir viel besser vorstellen als Endlichkeit. Wenn es ein Ende gibt, habe ich mich schon als Kind gefragt, was ist dann dahinter?“ Er denkt überhaupt sehr viel nach. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es den freien Willen? Warum sind wir hier? „Da gibt es so einen kleinen Erdball wie ein Staubkorn mit einem Haufen Menschen, die sich Stress machen. Da sagen Wissenschaftler: Der Mensch sei rein zufällig entstanden, weil gerade mal der und der Stoff zusammengekommen sind, was zu selbstorganisierenden Prozessen führte. Ich frage: Wenn die Grundbausteine des Lebens zusammenkommen, wieso entstehen dann selbstorganisierende Prozesse, die Biologen als Leben einstufen? Das ist doch ein Wunder?!“ Für ihn ist klar, wo die Menschen ihren Ursprung haben: „Wir sind aus Sternenstaub entstanden und sind Überbleibsel aus der Entstehung unserer Sonne. Wie einige Wissenschaftler vermuten, haben Kometen das Leben zur Erde gebracht, sind aber auch für das Massensterben der Dinosaurier verantwortlich. Wenn ein Komet bei seiner Bahn um die Sonne die Erdbahn kreuzt, fällt Staub des Kometen auf unseren Planeten. Denn der Komet lässt, wie man schon an seinem Schweif erkennen kann, Staub zurück. Wenn die Erde durch einen solchen Gürtel aus Staub fliegt, stürzen diese Partikel zur Erde, um zum allergrößten Teil in der Atmosphäre zu verglühen. Alte Sterne, die sich aufblähen, ihre äußeren Gasmassen abstoßen oder in einer gewaltigen Supernova-Explosion enden, hinterlassen Materie, woraus wieder neue Sterne entstehen können.“ Und weiter: „Als die Sonne entstanden ist, war es vermutlich so: „Zuerst gab es einen Urnebel, eine galaktische Brutstätte, etwa wie der Trifid-Nebel. Wenn sich diese Nebelmassen aus Gas und Staub verdichten, kommt es irgendwann zu einem so hohen Druck, dass eine Kernfusion entsteht. Das sind enorme Kräfte, viel, viel größer als die einer Atombombe. Dann zündet eine Kernfusion, das ist dann die Entstehung einer Sonne. Aus der Materie, die übrig geblieben ist, bilden sich die Planeten. Schlussendlich sind auch wir daraus entstanden. Wir sind im Grunde ein Überbleibsel der Sonne.“ Am liebsten dringt er mit seinem Teleskop von Namibia aus in die Unendlichkeit des Weltalls vor. Dort ist der Himmel noch sehr dunkel. „In Großstädten hingegen gibt es viel zu viel Lichtverschmutzung. Das wird verstärkt durch nach oben offene Lampen, Laternen und Disco-Skybeamer.“ Und dann erzählt er begeistert: „Auf der Südhalbkugel unserer Erde ist das Zentrum der Milchstraße im Zenit zu sehen, also genau über uns. Wenn ich dann nach oben schaue, weiß ich eigentlich nicht mehr, wo oben oder unten ist. Ich habe dann das Gefühl, mich einfach da reinfallen lassen zu können. Ein großes Geborgenheitsgefühl. Gott ist über mir.“ Wer ist für ihn Gott? „Wenn ich mir so die Frage stelle, dann steckt darin schon ein Zweifel. Dann ist Gott mir fern. Aber wenn ich in den Sternenhimmel schaue, dann brauche ich nicht mehr weiter Fragen zu stellen. Dann verstehe ich das Ganze.“ Für ihn ist Gott auch „eine Kraft, die die Naturgesetze hervorgebracht hat. Wo kommt denn das sonst her? Aus dem Nichts kann nicht einfach etwas entstehen. Letztlich ist man auf den Glauben zurückgeworfen. Am Schluss bleibt keine andere Möglichkeit als zu glauben und zu vertrauen.“
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Albert Herchenbach aus: Stadt Gottes 2008
Seite 20
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